Demographie bzw. Bevölkerungswissenschaft ist eine wissenschaftliche Disziplin, die sich statistisch und theoretisch mit der Entwicklung von Bevölkerungen und deren Strukturen befasst.
Deren Prognosen der natürlichen Bevölkerungsentwicklung sind relativ sicher - allerdings sind die Wanderungssalden schwer vorhersehbar.
Für Deutschland lassen sich die wichtigsten demographischen Trends so zusammenfassen:
- Die Bevölkerungszahl wurde nach dem letzten Zensus nach unten hin korrigiert (80,3 statt 81,8 Mio.)- das betrifft natürlich unterschiedlich auch die Gemeinden
- der „Sterbeüberschuss“ beträgt zur Zeit ca. 200.000 Menschen, zum Vergleich: 1955 plus 300.000 Geburtenüberschuss
- wir werden bunter: Migrationshintergrund bei ca. 20 %
- wir werden älter: Durchschnittsalter 44 Jahre mit steigender Tendenz (2030 in BaWü auf45,7)
- die Wanderungssalden verändern sich stark 2013 plus 400.000, dagegen 2009 minus 10.000)
- insgesamt steigt die Bevölkerungszahl damit wieder an
Die Bevölkerungszahl steigt gerade auch in BaWü und auch im ländlichen Raum- „von verlassenen Dörfern weit entfernt“!
Für den ländlichen Raum (L.R.) in Baden–Württemberg hat die Uni Stuttgart im Rahmen der IREUS Studie wichtiges Zahlenmaterial vorgelegt. Es zeigt, dass trotz einer positiven wirtschaftlichen Entwicklung in der Vergangenheit nicht die L.R. sondern die Ballungsgebiete eine positive Bevölkerungsentwicklung aufweisen.
Zudem wird darauf hingewiesen, dass die Ausstattung mit Humankapital im L.R. schlechter ist. Das Durchschnittsalter im L.R. ist höher! Das bringt im Übergang zur Wissensökonomie einen klaren Nachteil. Wachstumsträger im L.R. ist immer noch das produzierende Gewerbe.
Außerdem weist der ländliche Raum Wanderungsverluste auf, was in Verbindung mit der natürlichen Schrumpfung einem demographischen Zangengriff gleichkommt. Die Abwanderung vor allem junger Menschen führt zu einer deutlichen Verschlechterung der Altersstruktur. Auch die „Alten“ ziehen aufgrund der sich verschlechternden Infrastrukturausstattung zunehmend in die Städte.
Weiterhin profitieren die L.R. weniger von den aktuellen Wanderungsgewinnen. Aktuell wird in BaWü bis 2030 im L.R. mit einem Bevölkerungsverlust von 1% gerechnet. Allerdings ist zu bedenken, dass es nicht den L.R. schlechthin gibt, sondern erhebliche Varianzen. So gab es in der IREUS Studie einen plausiblen Korridor bis 2030 von 4-8% Bevölkerungsverlusten, im Extremfall bis zu über 15%. Die Analyse von Teilräumen mit unterschiedlichen Faktoren macht dies deutlich. (Clusteranalyse). Es hilft daher nur ein Blick in die Situation vor Ort und keine allgemeinen Aussagen.
Für alle ländlichen Räume gilt aber die Gefahr einer deutlichen Minderung des Erwerbspersonenpotentials und der Gefährdung der Qualität der Infrastruktur.
Was heißt das für unsere Kirche(ngemeinden) im Ländlichen Raum?
Ganz wichtig: neben der demographischen Entwicklung gilt es auch die Entwicklung der Mitgliederzahl in den Blick zu nehmen- diese nimmt tendenziell auch ab, zumal die Kirchengemeinden von den Wanderungsgewinnen in der Regel nicht profitieren.
Ganz wichtig ist es, das Thema nicht zu tabuisieren, sondern sich den Trends und den eigenen Zahlen zu stellen und diese pro– aktiv zu gestalten.
Dazu ist es eine wichtige Basis, die Fakten zu kennen – das ist ganz einfach mit einem Internetzugang: Geben Sie das Statistische Landesamt Baden–Württemberg ein, dann das Stichwort „Demographie Spiegel“, dann den Landkreis und dann die Gemeinde, für die Sie die Entwicklung der Bevölkerung wissen wollen. Sie finden dann ansprechend aufgemacht mit Vergleichszahlen die wichtigsten Fakten und Trends hinsichtlich der Bevölkerung, aber auch der Wanderungsbewegung und Altersstruktur.
Eine Hilfe zur Analyse ist auch der Fragebogen, den wir in einer Arbeitsgruppe im Oberkirchenrat erstellt haben.
Das ist eine gute Ausgangsgrundlage, um sich über die Tragfähigkeit der Infrastruktur Gedanken zu machen. Wenn immer weniger Menschen in einem Teilraum die Kosten von Einrichtungen wie Poststellen oder Bankfilialen aber auch Arztpraxen oder Gemeindehäuser zu tragen haben, dann wird es irgendwann zu teuer : Dann ziehen sich die entsprechenden Einrichtungen aus der Fläche zurück. Das löst einen „Teufelskreis“ aus, da immer mehr „Anker“ wegfallen: Der Rückzug des Einzelnen hat immer direkt oder indirekt negative Folgen für die Bleibe-entscheidung anderer. Wenn dieser Prozess in Gang kommt und nicht gestoppt wird, beschleunigt er sich, dann entleert sich der Raum immer schneller, weil immer weniger Menschen den Raum als attraktiv empfinden.
Und ganz wichtig: Es gehen die Jungen und Mobilen zuerst und auch der Mittelstand mit Banker und Lehrer und damit gehen die Leistungsträger und Werte-mittler insbesondere von Tugenden wie Selbstständigkeit oder Verantwortung und Kreativität.
Die Ausdünnung der L.R. führt zur Auszehrung auch der gesellschaftlichen Mitte.
Was sind die Optionen?
Ich benenne die Handlungsoptionen ohne Wertung. Wertung sollte im Rahmen eines Kriterienkatalogs in einen offenen Diskurs festgelegt werden, bei dem z.B. auch der KDL gerne als Moderator im Prozess hilft.
- Schließen der Einrichtung. Das ist bei einem schnellen stabilen Abwärtstrend durchaus zu empfehlen und insbesondere vor weiteren Entscheidungen, die Kosten verursachen, zu bedenken.
- Kooperation mit der Kommune, den „Katholiken“ der Nachbar-Kirchengemeinde…, z.B. bei der Nutzung von Gemeindehäusern oder dem Hausmeister.
- Neue Geschäftsfelder erschließen, um neue Einnahmen zu generieren – das ist nur vor Ort klärbar. Das könnte z.B. Nachbarschaftshilfe oder Verarbeitung und Vermarktung von Lebensmitteln sein.
- Re– Dimensionierung: Die Einrichtung wird verkleinert, um Kosten zu senken, überzählige Räume z.B. werden vermietet.
- Aufgaben werden gebündelt, ausgelagert und zentral erledigt. Das ist z.B. bei Verwaltungsaufgaben gut vorstellbar und machbar.
- Höhere Beiträge, Gebühren oder Fundraising, um neue Geldquellen zu erschließen.
- Ehrenamt statt bezahlte Kräfte
- .....ganz neue Konzepte
Auf alle Fälle: Durch die „Lichtung“ entstehen neue Lichtblicke und damit auch neue Wachstums– und Innovationsimpulse. Wir müssen lernen, auf den Käse zu sehen und nicht immer sich von den Löchern faszinieren und gefangen nehmen zu lassen. Das macht uns auch für andere nicht attraktiv und wir entfalten auch keine Strahlkraft.
Bei allen offen anzusprechenden Verlusten entstehen auch neue Chancen. Wer sich in diesem Prozess unterstützen und begleiten lassen will, kann sich gerne an die Mitarbeiter des KDL der Ev. Landeskirche in Baden wenden.





