Im Rahmen der Visitation im Kirchenbezirk Kraichgau fand am Samstag, den 16.6.2012 ein Vormittag zum Thema „Landwirtschaft“ statt. Dieser Vormittag gliederte sich in drei Teile: Nach einer Einführung durch Rolf Brauch als KDL-Regionalbeauftragtem für den kirchlichen Dienst Land in Nordbaden und dem Leiter des Amtes für Landwirtschaft und Naturschutz Dr. Dieter Eitel, wurden in vier Gruppen vier Familien-Betriebe besucht. Danach fand ein Austausch zusätzlich ergänzt noch mit Vertretern des Kreisbauernverbandes und des Raiffeisenzentrums statt.
Das Einführungsstatement von Rolf Brauch mit 8 Thesen finden Sie hier:
1. Landwirtschaft bleibt ein Spannungsfeld wie es die Agrardenkschrift der EKD von 1984 zutreffend formuliert hat, insbesondere was Ökonomie und Ökologie (auch in Verbindung mit Tierschutz) anbelangt. Überlagert und auch verstärkt wird das Ganze noch durch die Politik, die ganz verschiedene Interessen auch im europäischen Kontext hat. Dabei wird deutlich, dass Agrarpolitik Lebenspolitik ist und Agrarwirtschaft Lebenswirtschaft darstellt, weil sie eine Fülle zentraler gesellschaftlicher Aufgaben bündelt.
2. Landwirtschaft bleibt auf alle Fälle bedeutend:
- Sie ist der Gestalter unserer Landschaft
- Sie hat eine wichtige Aufgabe in der Energiewende
- Sie ist ein zentraler Ressourcenfaktor
- Jeder achte Arbeitsplatz hängt am Agribusiness
- ...und immer noch entscheidend: Lebensmittel-Erzeugung
3. Land ist damit angesichts der globalen Zukunftsaufgaben eine neue Kostbarkweit geworden – auch ökonomisch.
Damit einher geht die Gefahr, dass weltweit finanzstarke Investoren Land kaufen für die Erzeugung von Lebensmitteln oder auch Nachwachsenden Rohstoffen („Landgrabbing“) oder sich geeignete Standorte für die Energieerzeugung gerade bei der Windkraft sichern (Rosinenpickerei). Niemand kann derzeit absehen, was gerade die Energiewende für unsere Landwirtschaft und die ländlichen Räume an Chancen aber auch an Gefahren bedeutet.
4. Parallel dazu geht die Reform der europäischen Agrarpolitik.
Eine Reform im Sinne von semper reformanda, denn sie wird regelmäßig reformiert mit der Konsequenz vor allem hoher Planungsunsicherheit für die Landwirte. Auch bei der aktuellen Reform für 2014 weiß jetzt noch niemand, was konkret an neuen Regelungen bei unbekanntem Haushaltsvolumen herauskommt. Fast alle Marktordnungen sind beseitigt und damit ist ein System von Garantiepreisen beendet. Dafür gibt es Flächenprämien, aber nur in Verbindung mit klaren Standards und Auflagen vor allem im Umwelt- und Tierschutzbereich. Natürlich haben andere Branchen auch gesetzliche Regelungen in der Produktion, aber die Kontrolldichte und die Sanktionshärte ist deutlich schärfer, sie geht bis hin zur Existenzgefährdung.
Landwirtschaft ist ent-sichert, kämpft mit extrem schwankenden (volatilen) Märkten bei einer scharfen Kontroll- und Sanktionsdichte und mit zunehmenden Wetterkapriolen. Getoppt wird das dann noch durch parteipolitisch gefärbte, kurzfristige Änderungen von Landesagrarprogrammen - wie soll ein Landwirt das alles „managen“???
5. Dass auch in aktuellen Umfragen Landwirtschaft immer noch positiv wahrgenommen wird
(Berufsimage im Ansehen nach Arzt und Lehrer), ist für den praktischen Landwirt vor Ort eine Schizophrenie der Wahrnehmung. Er sieht sich als permanent Angegriffener, schon wenn er z.B. Gülle ausbringt, abends mit dem Schlepper durch das Dorf fährt mit oder ohne Pflanzenschutzspritze.
6. Landwirte sind und bleiben Unternehmer –
und das heißt die eigenen Ziele zu definieren, im ökonomischen Sinn aber auch im Sinne von Lebensqualität und Wertvorstellungen. Da kommt dann auch der Bauer mit seinem Berufsethos vor, das Grenzen setzt einem rein ökonomisch-technisch bestimmten Handeln, Grenzen, die bei manchen an die Grenze der Legalität gehen und bei anderen früher sein Handeln begrenzen. Management heißt nur, seine Unternehmens-Organisation an seine Ziele und die Rahmenbedingungen immer wieder anzupassen. Landwirte sind daher immer Bauer und Manager gleichzeitig. Wobei Management eher ein Durchwursteln angesichts aller Unsicherheit ist. Und diese Unsicherheiten kann niemand wegdiskutieren oder wegberaten.
Und das sei an dieser Stelle gesagt: Wir sollten angesichts der Realität nicht mehr vom Leitbild des bäuerlichen Familienbetriebs sprechen, sondern von familiengeführten ländlichen Unternehmen.
7. Landwirte sind auch Menschen und das heißt Vater, Ehemann, Dörfler, Vereinsmitglied…
und das passt immer weniger gut zusammen. Was für einen Ehemann gut ist, ist oft als Qualität für einen Unternehmer schlecht, so braucht eine Familie Präsenz, aber ein Unternehmer Effizienz - und das in Verbindung mit viel Arbeit, Unsicherheit und Druck, bringt immer mehr Familien und ganz besonders Ehen ins Wanken.
8. Das Tempo des Wandels,
die Unsicherheit der Märkte und der Politik und das Ausmaß von Entscheidungen, vor allem was Fremdkapital anlangt, macht vielen Landwirten das Leben zu einer fast untragbaren Belastung.
Wir sehen daher als KDL in enger Kooperation mit der Agrarverwaltung unsere Aufgabe als ein Dreifaches „B“:
- Bildung im Sinne einer umfassenden ganzheitlichen Handlungskompetenz
- Begleitung von Menschen, die Kraftquellen und Wegmarkierungen suchen.
- Begegnung von Landwirten mit Nichtlandwirten, von Stadt und Land, um sich zu verstehen und Wertschätzung aufbauen können.





