Land(wirtschaft) – für Teller, Trog, Tank – oder die Tonne?

Zum Erntedankfest 2011

Land und Landwirtschaft ist (wieder) ein wichtiges Thema für unsere Gesellschaft, Wirtschaft und Politik geworden. Das hat viele gute Gründe.

  • In einer immer globaleren, dynamischen und komplexen Wirklichkeit entsteht die Sehnsucht nach den kleinen Welten, sehr gut ablesbar an dem Riesenerfolg der Zeitschrift „Landlust“ mit über 800.000 verkauften Exemplaren. Hier wird auf Hochglanzniveau ein guter Schuss Land- und Agrarromantik gepflegt. Das verstellt aber den notwendigen Blick in die Land- Realität als Grundlage unseres Handelns und auch zur Gestaltung von Politik.

  • Eine wachsende Weltbevölkerung braucht mehr Nahrungsmittel – das ist ohne Land-wirtschaft trotz allem technischen Fortschritt nicht machbar. Weltweit steigt die Nachfrage nach dem unvermehrbaren Gut „Land“. Viele Konzerne, Länder oder Privatinvestoren kaufen weltweit Land – im Zeitraum Oktober 2008 bis Juni 2009 wurden nach Weltbankangaben 47 Millionen Hektar verhandelt- das entspricht einem Viertel der landwirtschaftlichen Nutzfläche der EU. Drei Viertel dieser Flächen liegen in Afrika, dem Kontinent, wo die Ernährungssicherheit der eigenen Bevölkerung sehr gefährdet ist. Land ist zum Renditeobjekt geworden und wird den (Klein-)Bauern als Existenzgrundlage entzogen.

  • Das Recht der Menschen auf Nahrung und die Priorität auf Ackerflächen Lebensmittel zu erzeugen  ist unbestritten. Das Recht aller Menschen auf das tägliche Brot ist gerade für Christen und gerade an Erntedank auch biblisch begründeter Anspruch. Martin Luther formuliert das in seiner Auslegung zu dieser Bitte in hervorragender Weise:„ Gott gibt das tägliche Brot auch ohne unsere Bitte allen bösen Menschen;…“.  Doch wie sieht die Wirklichkeit aus? Wir produzieren weltweit täglich pro Person 4.600 Kilokalorien, ein Mensch bräuchte 2.000 zum Leben. Aber nur 3.000 Kilokalorien stehen aufgrund von Ernte – und Nachernteverlusten zur Verfügung – das ist ein Drittel der Produktion. Und es gibt  weitere  Verluste durch die „Veredlung“ – wir brauchen sieben pflanzliche Kalorien, um eine tierische Kalorie zu erzeugen. Und dann entstehen durch die weltweite Bio-Energieproduktion noch weitere „Verluste“. Bio-Energie ist eine scharfe Konkurrenz für Lebensmittel und durchaus ein Preistreiber auf den Weltagrarmärkten geworden.
  • Brot wird angesichts dieser Entwicklungen zu einem immer kostbarerer und wertvolleren Gut. Wenn man dann aber  liest „500.000 Tonnen Brot werden in Deutschland jedes Jahr weggeworfen“ oder „10 Prozent des Hausmülls besteht aus originalverpackten Lebensmitteln“, dann ist nicht nur Wut oder Empörung gefragt, sondern unser Handeln.

  • Erntedank 2011 kann uns aus der Dankbarkeit heraus, dass Gott uns immer wieder genug gibt, motivieren vom Einkaufskorb bis hinein in die Politik dafür zu sorgen, dass alle Menschen ihr tägliches Brot haben. Wir singen im Erntedankgottesdienst oft das Lied „Wir pflügen und wir streuen“, da heißt es in Vers 2: „…es (das Brot) geht durch unsere Hände, kommt aber her von Gott.“ Das macht unsere  Verantwortung deutlich. Was kann das konkret bedeuten? Im Bereich Ernährung heißt das ein maßvollerer Konsum von tierischen Produkten, regional und saisonal einzukaufen und möglichst nichts wegzuwerfen. Im Bereich Bio-Energie bedeutet es: Erst kommt das Energiesparen auch im Privathaushalt, dann mehr Energieeffizienz und dann erst die Bio-Energieerzeugung aus Wind, Sonne, Wasser und Reststoffen.

  • Wir leben alle miteinander von der Garantie Gottes nach der Sintflut „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte.“ Aber Gott braucht gute Kooperationspartner, um diese Erde immer wieder zu bebauen und zu bewahren. Erntedank 2011 ist daher danken – denken- handeln: Für alle genug auf dem Teller, weniger in den Trog, die Reste für den Tank und nichts in die Tonne.