"Unsachgemäßer Umgang mit der Natur wird auf uns zurückfallen"

Landwirtschafts-Experte Witter von der Evangelischen Akademie Baden über Artenvielfalt

epd-Gespräch: Leonie Mielkeim Gespräch mit Pfarrer Hermann Witter:
 
Ob Wildbienen, der Käfer "Großer Eichenbock" oder Perlmuttfalter - alle drei Arten sind durch das Insektensterben in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen. Warum Artenvielfalt so wichtig ist, erklärt Hermann Witter, Akademiestudienleiter für Landwirtschaft und ländlichen Raum bei der Evangelischen Akademie Baden. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) erläutert er außerdem, welche Maßnahmen die Landeskirche in Baden zu ihrer Erhaltung ergriffen hat.
 

epd: Herr Witter, wie steht es um die Artenvielfalt in Baden?

Witter: Bei uns in Baden sieht es noch relativ gut aus. Historisch bedingt haben wir eine verhältnismäßig kleinräumige Agrarstruktur. Das heißt, statt riesiger Äcker, wie wir sie zum Beispiel aus Ostdeutschland kennen, gibt es überwiegend kleine Felder, die durch Bäume, Sträucher und Hecken voneinander abgetrennt sind. Diese Streifen bieten zahlreichen Tierarten Lebensräume - aber trotzdem ist die Artenvielfalt bedroht.


epd: Was führt zu dem Rückgang und Aussterben von Tier- und Pflanzenarten?

Witter: Es gibt mehrere Ursachen. Der Klimawandel ist in seinen Auswirkungen auf das Artensterben noch nicht hinreichend erfasst. Die neueste Studie des WWF weist aber darauf hin, dass bei einer Erwärmung der Erde um 4,5 Grad in 60 Jahren in besonders artenreichen Gebieten, zum Beispiel dem Amazonas oder Madagaskar, knapp die Hälfte aller Arten ausgestorben sein wird. Viele junge Menschen werden dies noch erleben. Ein weiterer Grund dürfte die Versieglung der Landschaft sein. Täglich gehen in Baden-Württemberg fünf Hektar Fläche, auf denen Insekten, Vögel und Kleinlebewesen leben, durch Versiegelung für Wohnungsbau, Straßen und Industriegebiete verloren. Schließlich wird auch eine Rolle spielen, dass auf großen Feldern nur noch eine Pflanzenart, meist Mais, angebaut wird. Von dieser Pflanze ernähren sich aber im Zweifelsfall nur eine Handvoll Tierarten und alle anderen gehen leer aus. Früher, als es noch bunte Wiesen gab, Heu gemacht wurde statt Silage, fanden viel mehr Arten genügend Futter. Dieses Problem wird noch verschärft durch das sogenannte "Ausräumen", das heißt, es werden die Hecken zwischen den Ackerflächen beseitigt, um die Felder ökonomischer bewirtschaften zu können. Dieses "Ausräumen" schränkt die Lebensräume weiter ein.

epd: Warum ist es auch für den Menschen schlimm, wenn eine Tierart verschwindet?

Witter: Wir profitieren in vielerlei Hinsicht von Tier- und Pflanzenarten. Denken Sie zum Beispiel an die Bienen, die Blüten befruchten. Der Mensch steht am Ende der Nahrungskette. Wenn wir unsachgemäß mit der Natur umgehen, wird das auf uns zurückfallen.

epd: Wie setzt sich die Evangelische Landeskirche in Baden für den Artenschutz ein?

Witter: Die Landeskirche betrachtet die Bewahrung der Schöpfung als eine überlebenswichtige Aufgabe. Daher hat sie für Kirchen- und Pfarrgemeinden eine Anlaufstelle, das "Büro für Umwelt und Energie", unter der Leitung von André Witthöft-Mühlmann, eingerichtet. Das Büro berät die Gemeinden zum Beispiel bei den Themen Klimaschutz und Einkauf von nachhaltigen Produkten. Insgesamt werden in der Landeskirche jedes Jahr rund 57 Millionen Euro für Lebensmittel, Strom, Benzin und Reinigungsmittel ausgegeben, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Dieses Geld soll, so weit wie möglich, umweltschonend investiert werden. Seit vergangenem Jahr bietet das Büro daher auch ein Onlineportal an, über das einfach und günstig nachhaltige Produkte eingekauft werden können. Daneben haben wir für die Felder und Wälder der Landeskirche verschiedene Regeln zum Schutz der Artenvielfalt festgelegt.

epd: Was für Regeln sind das?

Witter: Unsere Stiftungsverwaltung, die Evangelische Stiftung Pflege Schönau in Heidelberg, verantwortet in ganz Baden rund 7.000 Hektar Wald und circa 5.600 Hektar Ackerfläche. Der Wald wird naturnah und nachhaltig bewirtschaftet. So wird zum Beispiel darauf geachtet, viele verschiedene heimische Baumarten anzubauen. Des Weiteren legt die Stiftung, in eigenem Interesse, neue Biotope an, um die schon vorhandene Artenvielfalt zu vergrößern. Die Ackerflächen werden unter bestimmten Bedingungen an etwa 8.000 Landwirte verpachtet. So dürfen die Pächter keine gentechnisch veränderten Pflanzen anbauen und auch keinen Klärschlamm auf die Felder ausbringen. Klärschlamm könnte mit Altlasten kontaminiert sein und würde daher eine gesundheitliche Gefahr für Menschen, Tiere und Pflanzen darstellen. Ein Problem bei der Verpachtung der Ackerflächen ist aber, dass man nur Regeln aufstellen sollte, die sich mit einem vertretbaren Aufwand kontrollieren lassen.

epd: Was raten Sie dem Einzelnen zur Bewahrung der Artenvielfalt?

Witter: Meiner Meinung nach kann der Einzelne mit dem Einkaufskorb und durch sein eigenes Verhalten im Garten sehr viel zur Artenvielfalt beitragen. Mir ist es lieber, ich pflege, weil ich regionale und saisonale Produkte kaufe, die Landschaft in unserer Region als in Übersee. Denn mit jedem Liter Milch aus der Region, mit jedem Pfund Fleisch und jedem Kilogramm Obst und Gemüse helfe ich mit, die heimischen Wiesen, Weiden und Felder zu bewirtschaften. Und durch den Verzicht auf Pflanzenschutzmittel im eigenen Garten fördere ich die Artenvielfalt sowieso.
 
epd lbw leo bbi