Hermann Witter: Predigt über Joh 4, 46-54

bei der Tagung "Fremd im Dorf – aus Flüchtlingen werden Nachbarn" in St. Ulrich am 22.01.2017

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.
Amen
Liebe Gemeinde.
Wir haben uns in den letzten beiden Tagen über das Flüchtingsthema unterhalten. Wir wurden informiert darüber,
  1. wo die Grenzen christlicher Toleranz liegen, darüber
  2. was der Staat gegenüber religiösen Extremisten tut,
  3. welche Ziele der Islam verfolgt,
  4. warum es Flüchtingsbewegungen auf der Welt gibt und wie die Aufnahme in unsere Gesellschaft in Deutschland funktioniert. Und
  5. schließlich die Frage: Wie integriert sind wir?
Um die erste Frage zu beantworten. Wir haben im Referat von Prälat Schächtele gehört, die Grenzen liegen da, wo ich mich als Christ zu erkennen gebe. Wo ich Moslems in ihrer Religion respektiere, aber auch sage: ‚das geht‘ und ‚das geht mit mir nicht‘.
Flüchtlinge sind Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen, weil sie dort nicht länger leben können und wollen.
Flüchtlinge sind Menschen, die bei uns Schutz und Sicherheit suchen aber ihre eigene Sprache, Kultur und Traditionen mitbringen. Dass es da zu Reibungsverlusten kommen kann und kommt, ist nahezu selbstverständlich.
Was wir aber bei all den politischen Auseinandersetzungen und Schwierigkeiten nicht vergessen dürfen ist: Flüchtlingen sind Menschen genauso von Gott geschaffen wie du und ich. Der Unterscheid liegt darin, dass wir auf der vermeintlich - glücklichen Seite des Lebens stehen.

Wie schnell sich aber das Blatt wenden kann, weiß jeder der lange genug zurück blicken kann. Wie schnell verändern Krankheit, Unfall, Naturkatastrophen, der Tod von geliebten Menschen das Leben.
Was gibt uns Schutz, wo finden wir Sicherheit? Wo ist Hilfe zu finden? Solche Fragen stellt sich auch der Vater in der Geschichte die wir jetzt hören?

Predigttext: Johannes 4,
46 Und Jesus kam abermals nach Kana in Galiläa, wo er das Wasser zu Wein gemacht hatte. Und es war ein Mann im Dienst des Königs; dessen Sohn lag krank in Kapernaum.
47 Dieser hörte, dass Jesus aus Judäa nach Galiläa gekommen war, und ging hin zu ihm und bat ihn, herabzukommen und seinen Sohn zu heilen; denn der war todkrank.
48 Da sprach Jesus zu ihm: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht.
49 Der königliche Beamte sprach zu ihm: Herr, komm herab, ehe mein Kind stirbt!
50 Jesus spricht zu ihm: Geh hin, dein Sohn lebt! Der Mann glaubte dem Wort, das Jesus zu ihm sagte, und ging hin.
51 Und während er noch hinabging, begegneten ihm seine Knechte und sagten: Dein Kind lebt.
52 Da fragte er sie nach der Stunde, in der es besser mit ihm geworden war. Und sie antworteten ihm: Gestern um die siebente Stunde verließ ihn das Fieber.
53 Da merkte der Vater, dass es zu der Stunde war, in der Jesus zu ihm gesagt hatte: Dein Sohn lebt. Und er glaubte mit seinem ganzen Hause.
54 Das ist nun das zweite Zeichen, das Jesus tat, als er aus Judäa nach Galiläa kam

Liebe Gemeinde Katja Ebstein singt:
„ Wunder gibt es immer wieder heute oder morgen können sie geschehn. Wunder gibt es immer wieder wenn sie dir begegnen mußt du sie auch sehn.“

Ich weiß nicht, ob der königliche Beamte an Wunder glaubte. Sehr wahrscheinlich nicht. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass ihn ein Gedanke nicht mehr los lies: „Mein Kind stirbt, Mein Kind stirbt!“ Ein unvorstellbar schrecklicher Gedanke. Ein Gedanke, der das Leben radikal verändert.
 
Diesem Mann ging es nicht anders als vielen heute, wenn die Medizin nicht mehr weiter weiß. Nach jedem Strohhalm recken sich Menschen aus. Für die unglaublichsten Behandlungen werden Unsummen von Geld aufgewendet – ja, nur um das Unmögliche möglich zu machen.
So eben auch dieser Vater. Er hatte wohl die Gerüchte gehört, was geschehen war bei der Hochzeit in Kana: Dieser Jesus, so sagte man, hatte da ein Fest gerettet. Und nun war dieser Jesus wieder in Kana. Wenn sonst nichts half, dann ja vielleicht er.
Und so begegnet dieser Mann Jesus, um ihn, den vermeintlichen Wunderdoktor in sein Haus zu bitten. Und Jesus antwortet – scheinbar kühl: „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht.“
Und damit trifft Jesus einen wunden Punkt – nicht nur bei diesem Mann, sondern auch bei den allermeisten Menschen heute.
Es gibt den verbreiteten Wunsch, in unserer Welt etwas davon abzulesen, dass es Gott tatsächlich gibt und dass er es gut mit uns meint.
Von Kritikern des christlichen Glaubens werden dann schnell gerade die Gegenbeweise auf den Tisch geholt – die unzähligen Augenblicke dieser Weltgeschichte, wenn Zeichen ausbleiben. Momente von Gewalt und Ungerechtigkeit, von sinnlosem Sterben und schier unerträglicher Krankheit.
Ja, wie sollen Menschen denn da bitte an einen freundlichen und gnädigen Gott glauben, wenn er das zulässt? Mancher würde Jesus wohl am liebsten antworten: Genau so ist es, Jesus, du hast es auf den Punkt gebracht: „Wenn wir nicht Zeichen und Wunder sehen, so glauben wir nicht!“

Aber immer wieder passieren Zeichen und Wunder. Die ganze Bibel ist voll von solchen Geschichten. Das Volk Israel wird auf wunderbare Weise aus Ägypten geführt. Endlich in Freiheit, die niemals möglich schien. Das Wasser teilt sich. Die Verfolger werden abgehängt. Gott selbst geht vor dem Volk her in einer Wolken- und in einer Feuersäule. Und das Volk?
Es murrt. Es vergisst allzu schnell Gottes Handeln in seiner Mitte. Der graue Alltag löscht in Windeseile die Erinnerung an Zeichen und Wunder.
Katja Ebstein singt: „ Wunder gibt es immer wieder, heute oder morgen können sie geschehn. Wunder gibt es immer wieder wenn sie dir begegnen mußt du sie auch sehn.“
Das heißt doch, wenn ich Wundern begegnen will, muss ich mich auch bewegen. Zumindest habe ich eine größere Chance ihnen zu begegnen, wenn ich mit offenen Augen durch die Welt gehe, als wenn ich auf der Couch sitze und „Bauer sucht Frau“ sehe.
Das Losgehen ist das eigentlich Schwierige. Auch für den Mann. Denn er hatte ja nichts in der Hand. Nur eine windige Geschichte hatte er von Jesus gehört:
Welche Religion er hatte, wissen wir nicht. Sehr wahrscheinlich weiß er nicht mal richtig, was Jesus lehrt, wer Jesus wirklich ist. (es gab ja noch keine Zeitungen, TV, Internet). Aber die Sorge um seinen Sohn treibt ihn an.
Es wäre vielleicht viel vernünftiger für den königlichen Beamten zu Hause zu bleiben und seinem Kind in der Not beizustehen. Loszugehen ist ein Wagnis, denn er weiß nicht, wie Jesus ihn empfängt.
Aber das Ziel ist klar. „HERR, komm herab – mein Kind stirbt“ Der Vater hofft und wünscht sich: seine Gegenwart wird helfen.
Und nun steht er vor Jesus, trägt ihm seinen Wunsch vor und hört: „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht“, sagt Jesus zu diesem Mann, der 25 km von Kapernaum nach Kana zurückgelegt hat.
Jesus weißt den Wunsch nach Zeichen und Wunder jäh ab. Warum?
Wohl weil wir Menschen Jäger nach Zeichen, und Beweisen sind, die uns den Glauben plausibel machen.
Ja, wenn ich nur mal ein richtiges Wunder gesehen hätte, dann könnte ich auch glauben. Ja, wenn Gott nur auf mein Gebet hören würde, dann könnte ich ihm vertrauen. Ja, wenn Sein Engel auch zu mir käme, dann würde ich glauben, dass es ihn gibt. –  (Arme Lazarus- siehe Abraham, sie haben Mose und die Propheten… und wenn einer von den Toten auferstehen würde, würde sie es nicht glauben----..)
Dass dies nicht funktioniert, beweist das Leben selbst.
Beispiel: Uiffingen – Kirchendienerin erzählte: In den 60er Jahren lange Trockenheit – In der Gemeinde wurde der Wunsch nach einem Regenbittgottesdienst geäußert. – der Pfarrer hielt den GD – ein paar Tage später regnete es
Kommentar von einigen Skeptikern: „Das Tief war sowieso schon im Kommen.“

Liebe Gemeinde, es ist nicht verboten, an Wunder zu glauben, auf Wunder zu hoffen. Aber dieser Wunderglaube bringt uns nicht ans Ziel (zu viel schmutzige Geschäfte). Wunder sind mitnichten ein Beweis für Gottes Gegenwart, sie bleiben immer zweideutig.

Es geht beim Glauben darum, auf Jesus zu hören, ihm zu vertrauen.
So wie der Mann aus unserer Geschichte.
Der königliche Beamte mag sich nicht einschüchtern lassen. Er sucht nicht nach einem Wunder, sondern er bittet um die heilvolle Gegenwart Jesu.
Und deshalb wiederholt er seine Bitte. „Herr, komm herab, ehe denn mein Kind stirbt.“ Und deshalb kann dieser Satz, den er dann hört, für ihn tröstlich sein, obwohl er nicht seinen vordergründigen Erwartungen entspricht: „Geh hin, dein Kind lebt“.
Mit diesen einfachen Worten ist alles gesagt: „Geh hin, dein Sohn lebt!“ Das Wesentliche ist dem Sohn geschenkt. Er lebt!

Liebe Gemeinde, das Wesentliche ist auch uns geschenkt: „Geht hin, ihr lebt – ihr und die, mit denen ihr im Glauben verbunden seid!“ hören wir in der Liturgien des Abendmahls.  Das heißt doch, mit den Worten eines deutschen Supermodelles  gesagt: Dieses Leben ist „unkaputtbar“.
Selbst vom Tod nicht. Wir Christen werden leben, weil Christus lebt. Und an ihm hängen wir im Glauben dran. So können wir gar nicht im Tod stecken bleiben, weil Jesus Christus auch nicht im Tod geblieben ist.

Kehren wir kurz zum Predigttext zurück:
Der Vater erkennt in der Besserung seines Sohnes, dass Jesus gewirkt hat und er ihnen mehr geschenkt hat als das irdische Leben. Er schenkte auch den Glauben. Das kann dieser Mann niemandem beweisen. Das lässt sich nicht demonstrieren, auch nicht durch die Tatsache, dass das Fieber gerade dann sank, als er mit Jesus sprach. Aber sein Glaube hat Augen, um dieses Wunder zu sehen.
Ein Kranker wird gesund. Ein Wunder Gottes! - Ich werde in einer brenzligen Situation vor einem Unfall bewahrt. Ein Wunder Gottes! - Versöhnung stellt sich da ein, wo keine Verständigung mehr möglich war. Ein Wunder Gottes! - Ich lerne mit Einschränkungen, Angst und Nöten im Leben zu leben. Auch dies: Ein Wunder Gottes!
Und so gilt am Ende eben auch das: „Wenn ihr glaubt, werdet ihr auch Zeichen und Wunder sehen.“ Denn Wunder gibt es immer wieder, heute und morgen werden sie geschehen.
Amen.