Slowakei -Transformation konkret aus der Nähe

Bericht einer Studienfahrt von Rolf Brauch

Wie sich tiefgreifende Veränderungsprozesse auf die Lebenswirklichkeit von Menschen in ganz verschiedenen Bereichen auswirken, konnten die Teilnehmer/innen bei einer Studienfahrt des KDL in die Slowakei im Juni 2015 hautnah und ganz praktisch erleben. Die Installation „Man at work“ in einer der belebten Einkaufsstraßen in Bratislava macht deutlich, dass es mühevoll ist, wenn sich vieles so deutlich und nachhaltig in kurzer Zeit ändert:
1993 - die Trennung von Tschechien und die Gründung eines selbstständigen Staates, die Mitgliedschaft der EU seit 2004 und die Einführung des EURO 2009.
Trotz aller Sorgen und Nöte erschienen aber die Slowaken als fröhliche und fleißige Menschen, die beharrlich in und an diesem Prozess der Veränderung arbeiten. Ich möchte einige Schlaglichter auf diesen Prozess werfen.

Die Situation der Protestanten
Etwa 60 % der Slowaken sind Katholiken, 8 % Protestanten. Beim Besuch einer Kirchengemeinde in Kezmarok konnten wir erfahren, dass trotz aller umfangreichen Aktivitäten z.B. im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit die Kirchen deutlich zu groß geworden sind für die schwindenden Mitgliederzahlen. Auch hier aller Orten Nachwuchsmangel z.B. bei den Pfarrern in der Kirchengemeinde und vor allen Dingen auch zu wenig finanzielle Ressourcen angesichts des Gebäudebestandes.

Sinti und Roma
Etwa 7 % der Slowaken sind den Sinti und Roma zuzurechnen. Wir konnten bei verschiedenen Gelegenheiten mit unserem Reisebus durch Sinti und Roma-Dörfer fahren und uns von der Lebenswirklichkeit dieser von der Mehrheit der Gesellschaft getrennten Menschen überzeugen. Bei aller Vorsicht in den Äußerungen bei der Wortwahl war doch von allen Slowaken, die uns begegnet sind deutlich zu spüren, welche Urteile und Vorurteile gegenüber dieser Gruppe gibt. Die Wirklichkeit scheint aber diese Urteile und Vorurteile zu bestätigen, was z.B. durch Zahlen zur Arbeitslosigkeit – nahezu 100 % - und entsprechende Kriminalität durchaus nachweisbar ist. Der Staat unternimmt aber durchaus einiges, um diese Menschen in die Gesellschaft zu integrieren durch entsprechende Bildungsmaßnahmen aber auch durch entsprechende Kürzungen von Transferleistungen, wenn sich Menschen nicht in den Arbeitsmarkt integrieren. Allerdings gibt es keinen Grund zur Hoffnung, dass dieses Thema in den nächsten 10 oder 20 Jahren erfolgreich positiv abgearbeitet werden kann.

Einkommen und Renten
Der durchschnittliche Brutto Arbeitsverdienst der Slowaken beträgt etwa 800 €. Der Mindestlohn liegt etwa bei 300 € im Monat, genauso wie die durchschnittlichen Renten. Dies führt z.B. dazu, dass viele ältere Menschen wieder zu ihren Kindern ziehen müssen, um schlicht und ergreifend zu überleben. Dann wird es natürlich auch von den Menschen schon fast als Provokation empfunden, wenn dann ausländische Firmen, z.B. im Bereich von Lebensmitteln oder Drogerieartikeln ihre Waren in z.B. deutscher Sprache auf der slowakischen Markt bringen und auch zu deutschen Preisen vermarkten. Das ist wohl ein generelles Problem von vielen Staaten in Osteuropa, dass sich die Preise vor allen Dingen der Güter des täglichen Bedarfs deutlich schneller entwickeln als Einkommen, Löhne und Renten und durch zahlreiche ausländische Firmen, die diese Produkte anbieten, sich die Preise teilweise verdoppeln und verdreifachen.

Landwirtschaft
Wir konnten vom Bus aus sehen, dass die Landwirtschaft dort sehr großflächig organisiert ist – wir konnten große Felder mit hervorragend geführten Beständen immer wieder sehen. Bei dem Besuch eines landwirtschaftlichen Großbetriebes mit ca. 2.500 ha haben dann auch unsere Landwirte einen neidischen Blick entwickelt angesichts von niedrigen Pacht- und Flächenpreisen und einer sehr effizienten Technik, die allerdings auch überwiegend importiert wird. Das ist die eine Seite der Medaille. Man muss aber auch wissen z.B., dass in dem besuchten Großbetrieb allein die Bewachungskosten durch einen Security-Dienst im Jahr 180.000 € betragen und z.B. dass auch die Landwirtschaft z.B. in der hohen Tatra eher vergleichbar ist mit einer Landwirtschaft im Schwarzwald, die auch ohne erhebliche Transferzahlungen national und durch die EU keine Chance hat wettbewerbsfähig zu sein.

Positiver Gesamteindruck
Überall, wo wir unterwegs waren, sahen wir neue Straßen und auch neue Autobahnen, schön renovierte Marktplätze und Kirchen, also ein deutliches Signal in Richtung Aufbruch und von Investitionen in die Infrastruktur. Allerdings spielen EU-Programme und ausländische Investoren in der slowakischen Wirtschaft eine ganz wichtige Rolle, z.B. im Bereich Automobil, die einerseits Motoren der durchaus positiven wirtschaftlichen Entwicklung sind (z.Zt. 8 % Wachstum) aber auch Risiken bieten, im Sinne von Abhängigkeit und der Gefahr der Standortverlagerung.

Neben all den wichtigen Erkenntnissen und Erfahrungen  gab es auch eine fröhliche Reisegemeinschaft, die sich aus ganz verschiedenen Menschen relativ schnell gebildet hat, gutes Essen und Trinken mit einer belebenden Folkloremusik z.B. durch die Goralen und auch anregende Morgenimpulse, die zu vielen Gesprächen so nebenbei und während der Fahrt geführt haben.

Fazit
Die Slowakei: ein freundliches schönes Land mitten im Transformationsprozess, bei dem zu hoffen ist,  dass es die Energie und das Durchhaltevermögen hat, diese Verwerfungen gut zu meistern und ein wichtiges Glied der europäischen Gemeinschaft weiterhin zu sein.
Dieser Weg wird kein leichter sein, aber es ist die einzige Chance zu einer selbsttragenden Entwicklung, die wirtschaftlich trägt und sozial ausgewogen ist.