KI in allen Lebensbereichen – wer blickt noch durch?

Vortragsabend der Reihe „Unsupervised Thinking / Unüberwachtes Denken“

Machine Learning-Professorin Dr. Daniela Oelke (lehrt an der Hochschule Offenburg) und Digitalisierungstheologe Dr. Gernot Meier (leitet die Evangelische Akademie Baden) blicken gemeinsam auf die digitale Transformation.

Daniela Oelke spricht im Providenzhaus in Heidelberg
Gernot Meier und Daniela Oelke vor Publikum
Gernot Meier und Daniela Oelke im Providenzhaus in Heidelberg
Das Providenzhaus in Heidelberg ist mit gut 25 Besucher*innen gut besucht, als Prof. Oelke die Grundlagen der Technologie erläutert, die unser Leben verändert: „Es gibt unterschiedliche Varianten von Machine Learning: das überwachte Lernen, das unüberwachte Lernen und das verstärkende Lernen“, so Oelke. Wer selbst einmal ein Modell trainieren möchte, ohne Code zu schreiben, kann „Teachable Machine“ von Microsoft ausprobieren. Momentan viel diskutiert ist auch die generative KI, die auf Befehl neue Inhalte wie Texte, Bilder oder Videos erstellt. Große Bekanntheit hat hier ChatGPT erlangt. 
 
Roboter ruft im Friseursalon an 
Prof. Oelke präsentiert weitere Anwendungsbeispiele für Künstliche Intelligenz im Alltag, etwa ein Video über den Google Assistant, der in einem Frisörsalon anruft und einen Termin ausmacht. „Ich glaube nicht, dass die Frau am anderen Ende gemerkt hat, dass sie mit einem Roboter spricht“, sagt Daniela Oelke. Einerseits biete diese Technik Erleichterung für Mensch mit Behinderung. Andererseits erreicht die Qualität von Fake-News ein neues Level. Das zeigt ein Deep Fake-Video von Olaf Scholz. „Der Spot ist mit einem Hinweis versehen, dass die Stimme mittels KI generiert ist. Trotzdem dachten Leute, das Video sei echt – es ist ja die Stimme des Bundeskanzlers“, bemerkt die Referentin. 
 
Chatbot als Freund und Seelsorger 
Pfarrer Dr. Gernot Meier gibt im zweiten Teil des Vortrags Einblicke in gesellschaftliche Prozesse, die Künstliche Intelligenz derzeit in Kultur und Ethik auslöst: Der Chatbot Replika erschafft für seine Nutzer*innen einen virtuellen Seelenverwandten – Geschlecht, Aussehen und Name der sind frei wählbar. Die virtuelle Persönlichkeit kommuniziert und flirtet mit „ihrem“ Menschen, es entsteht eine enge Bindung. „Die KI-Freundin fragt mich, wie es mir geht, stellt Fragen, die sonst in der Seelsorge auftauchen“, weiß Meier. Ein Gewinn für viele einsame Menschen! 
 
Daten-Missbrauch und Fake News 
„Dass Technologie heute so etwas kann, muss uns nicht erschrecken. Es ist nach wie vor ein Modell, eine Wahrscheinlichkeit ohne Bewusstsein dahinter. Dennoch sollten uns Fragen nach dem Umgang mit KI beschäftigen“, findet der Leiter der Evangelischen Akademie Baden. Schließlich ist Künstliche Intelligenz eines der mächtigsten Elemente, die es momentan gibt, wie etwa die Daten-Firma Cambridge Analytica beweist, die angeblich durch Daten-Missbrauch den Brexit entschieden hat. Eindeutig eine negative Seite der Technik, die uns nachdenklich machen und zum kritischen Hinterfragen von Quellen animieren sollte, wie Gernot Meier betont.  
 
Der KI vertrauen? Im Publikum überwiegt die Skepsis 
Im anschießenden Gespräch mit dem Publikum wird der Zwiespalt deutlich, den die neue Technologie verursacht. Eine Frau sagt: „Mir wird da Angst und Bang, denn der Mensch stellt oftmals eben nicht die richtigen Fragen!“ Die Diskussion dreht sich um Vertrauenswürdigkeit von Robotern als Operateure, um Angst vor Manipulation und den Verlust von Jobs, um das Gefühl von Machtlosigkeit, wenn eine Technologie übernimmt, die Millionen Menschen nicht wirklich verstehen. Auch die schlechte Ökobilanz der Künstlichen Intelligenz durch die ihre enorme Rechenleistung wird angeführt.
 
Dagegen könnte man sich aber auch fragen, wo KI zum eigenen Vorteil verhelfe, regt Wissenschaftlerin Daniela Oelke an. „Wer sich schwer tut, Briefe oder andere Texte zu schreiben, für den ist das frei zugängliche ChatGPT3 eine super Sache. Es generiert sogar Kochrezepte aus den Zutaten, die Sie noch im Kühlschrank haben!“ Jenseits des Consumer-Bereichs helfe KI etwa Firmen wie Siemens bei der Aussteuerung emissionsarmer Gasturbinen, ein anderes Beispiel sei die KI-gesteuerte Simulation im Fahrzeugbereich, die die Forschung vorantreibe. „Wir sind die erste Generation auf der Welt, die diese disruptive Kraft der Künstlichen Intelligenz erlebt – danach wird sie normal sein“, schließt Gernot Meier den diskussionsreichen Abend.