Wer kontrolliert den Krieg von morgen?

Über einen Abend, an dem sehr unterschiedliche Menschen miteinander über Krieg und Technik, Theologie und Verantwortung stritten.

Am 5. Oktober haben wir uns im Gespräch mit Marie-Agnes Strack-Zimmermann (MdEP), Prof. Dr. Gerhard Schreiber und Prof. Dr. Tobias Kreilos mit der Realität KI-gestützter Militärdrohnen und mit unserem Herangehen an dieses Feld auseinandergesetzt. Die Resonanz des Publikums zeigt: das Thema ist so brisant wie aktuell. Ein Nachbericht von Dr. Gernot Meier.

Gerhard Schreiber, Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Gernot Meier und Tobias Kreilos stehen zusammen im Gespräch
v.l.: Prof. Dr. Gerhard Schreiber, Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann (MdEP), Dr. Gernot Meier, Prof. Dr. Tobias Kreilos (halb verdeckt)
Quelle: Hochschule Offenburg
Stephan Trahasch hält einen Vortrag. Ein Mann mit dunklem Haar trägt einen dunklen Anzug
Prof. Dr. Stephan Trahasch, Rektor der Hochschule Offenburg
Quelle: Hochschule Offenburg
Publikum im Vordergrund hört die Rede von Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Eine Frau mit kurzem weißen Haar trägt einen sandfarbenen Anzug
Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann (MdEP)
Quelle: Hochschule Offenburg
Gerhard Schreiber hält einen Vortrag. Ein großer Mann mit grauen Haaren trägt einen braunen Anzug.
Prof. Dr. Gerhard Schreiber
Quelle: Hochschule Offenburg
Tobias Kreilos hält einen Vortrag. Ein Mann mit kurzem braunem Haar trägt einen dunklen Anzug
Prof. Dr. Tobias Kreilos
Quelle: Hochschule Offenburg
Gernot Meier hält einen Vortrag. Ein bärtiger Mann mit langen dunkelgrauen Haaren trägt einen dunklen Anzug
Akademieleiter Dr. Gernot Meier
Quelle: Hochschule Offenburg
viele viele Teilnehmende im Vordergrund hören den Vortrag von Gernot Meier, der im Hintergrund nur ganz klein zu sehen ist, so voll ist der Raum
Riesiges Interesse für das Thema
Quelle: Hochschule Offenburg
Was hätte wohl jemand gedacht, der an diesem Abend von außen durch die große transparente Glasfront der Hochschule Offenburg hineingeschaut hätte?
 
Mehr als hundert Menschen stehen dort in größeren und kleineren Gruppen zusammen. Einige tragen Uniform, andere kommen aus der Friedensbewegung. Abgeordnete sind darunter, Studierende, Professor*innen, Menschen aus der Wirtschaft und aus technischen Disziplinen, kirchlich Engagierte und Menschen, die schlicht gekommen sind, weil sie die Frage umtreibt, was gegenwärtig mit Krieg, Technik und Verantwortung geschieht. Sie hören einander zu, widersprechen, fragen nach und diskutieren auch lange nach dem Ende der eigentlichen Veranstaltung intensiv weiter.
 
Vielleicht hätte der Beobachter von draußen gedacht: Es muss eine wichtige Sache sein, über die diese sehr unterschiedlichen Menschen miteinander sprechen.
 
Genau darum ging es bei der Veranstaltung „Wer kontrolliert den Krieg von morgen?“, zu der die Evangelische Akademie Baden gemeinsam mit der Hochschule Offenburg eingeladen hatte.
 
Für mich lag eine besondere Qualität dieses Abends gerade in dieser Verschiedenheit. Hochschule und Evangelische Akademie sind Orte, an denen unterschiedliche Erfahrungen, Wissensbestände und auch normative Überzeugungen zur Sprache kommen und offen miteinander ins Gespräch gebracht werden können.
 
Das galt für das Publikum ebenso wie für die Beiträge des Abends. Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Mitglied des Europäischen Parlaments und Vorsitzende des Ausschusses für Sicherheit und Verteidigung, entwickelte mit großer Klarheit ihre politische Perspektive auf die gegenwärtige Sicherheitslage und die Verantwortung Europas. Prof. Dr. Gerhard Schreiber, Sozial- und Technikethiker an der Helmut-Schmidt-Universität, fragte nach den Bedingungen verantwortbaren Handelns angesichts einer technologischen Entwicklung, die sich nicht einfach zurückdrehen lässt. Und Prof. Dr. Tobias Kreilos vom Institute for Unmanned Aerial Systems der Hochschule Offenburg machte deutlich, wie sehr sich die technischen Voraussetzungen bereits verändert haben und wie schwierig die vertraute Trennung zwischen ziviler und militärischer Nutzung geworden ist.
Gerade diese Mischung war für mich das Besondere. Politik und Technik, Theologie und Ethik standen nicht einfach nacheinander auf dem Programm, sondern begegneten einander. Dazu kam die Perspektive eines ukrainischen Militärangehörigen, der in einem eingespielten Beitrag zeigte, wie anders die Diskussion aussieht, wenn Drohnentechnologie nicht Gegenstand einer theoretischen Debatte ist, sondern Teil alltäglicher Kriegserfahrung.
 
Eine Evangelische Akademie sollte nicht der Ort sein, an dem gesellschaftliche Kontroversen verschwinden oder an dem wir nur mit Menschen diskutieren, die „unserer“ Meinung sind. Sie sollte einer der Orte sein, an denen unterschiedliche Positionen öffentlich zur Sprache kommen und miteinander streiten können, ohne dass aus Widerspruch Feindschaft werden muss. Und eine Hochschule ist nicht nur ein Ort, an dem neue Technologien entwickelt und optimiert werden. Gerade weil hier an Technologien gearbeitet wird, die unsere Gesellschaft verändern, gehört auch die Frage nach ihren Voraussetzungen, ihren Folgen und unserer Verantwortung zu ihren Aufgaben.
 
Vielleicht war deshalb die Frage „Wer kontrolliert den Krieg von morgen?“ am Ende des Abends nicht beantwortet. Das war kein Defizit. Bei einer Frage dieser Größenordnung wäre eine einfache Antwort vermutlich eher verdächtig gewesen.
Aber weit über hundert Menschen haben an diesem Abend den Vorträgen zugehört, nachgefragt und diskutiert. Und viele standen noch lange danach in kleinen Gruppen zusammen und versuchten weiter, genauer zu verstehen, was eigentlich auf dem Spiel steht.
 
Vielleicht hätte unser Beobachter draußen vor der Glasfront genau das gesehen.
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