Demografische Veränderungen auf dem Land - was kann das heißen für Kirchengemeinden?
Einige Streiflichter:
Zu den normalen Gottesdiensten am Sonntag Morgen kommen von Jahr zu Jahr weniger Leute. Wenn nicht ein besonderer Gottesdienst gefeiert wird, dann sind vor allem ältere Menschen dort anzutreffen. Und jeder der zu gebrechlich wird, um zum Gottesdienst zu kommen, oder jeder, der stirbt, hinterlässt eine Lücke, die nicht mehr geschlossen wird. Gab es in früheren Generationen noch fünfzehn Konfirmandinnen und Konfirmanden in einem Jahrgang, so sind es heute noch fünf. Es stellt ich die Frage: Lohnt sich dafür noch eine eigene Konfirmandengruppe? Einen Jugendkreis gibt es schon lange nicht mehr. Auch der Frauenkreis ist inzwischen eigentlich zum Seniorinnenkreis geworden. Die Gemeinde wird älter. Für die am 1. Advent dieses Jahres anstehende Kirchengemeinderatswahl war es sehr schwierig, Kandidatinnen und Kandidaten in mittlerem Alter zu finden. Die beruflichen Anforderungen sind gestiegen; manche haben weite Wege zur Arbeit und darum keine Zeit und Kraft für ehrenamtliches Engagement am Abend.
Neben all diesen Veränderungen ist das größte Problem: Es legt sich eine resignative Stimmung wie ein Mehltau auf alles. Deutlich wird dies daran, wie häufig das Wörtchen „noch“ gebraucht wird. Denn es fallen immer wieder Sätze wie: „Noch haben wir ja eine halbe Pfarrstelle im Ort.“ Und gedacht wird: „In einigen Jahren wird sie bestimmt gestrichen.“ oder: „Noch haben wir einen Kirchenchor.“ Und vorausgesetzt wird dabei, dass keine jungen Leute mehr dazu stoßen und der Chor sich irgendwann auflösen wird. In der Kirche verschärfen sich dabei demografische Prozesse noch. Denn Kirchengemeinden leiden nicht nur wie Kommunen unter Abwanderung, Geburtenrückgang und Überalterung. Sie haben gleichzeitig noch mit Säkularisierungsprozessen zu tun: Religiöses Leben verliert an Selbstverständlichkeit, Menschen gegen auf Distanz zur Organisation Kirche und auch auf dem Land gibt es keinen sozialen Druck mehr zur Teilnahme am kirchlichen Leben. Und dann kommen Leute der Kirchenleitung und sprechen davon, dass sich die Gemeinden auf zurückgehende Finanzen einrichten müssen. Da legt es sich nahe, die eigene Gegenwart als eine Geschichte permanenten Niedergangs zu erleben und diese Gegenwartserfahrung dann perspektivisch in die Zukunft zu verlängern und dieses Wörtchen „noch“ oft in den Mund zu nehmen. Engagierte Mitglieder der Kirchengemeinde und auch hauptamtlich Mitarbeitende - auf dem Land in der Regel die Pfarrerinnen und Pfarrer - erleben sich dann häufig als Opfer eines Prozesses, von dem sie überrollt werden. Und es gelingt nicht, dem etwas entgegen zu halten. Resignation macht sich breit. Oder man verfällt in die aktivistische Versuchung der Bearbeitung dieser Erfahrungen von Rückgang und Schrumpfung. Diese lautet: Weiter so wie bisher - aber mit doppelter Kraft. Das Problem an dieser Haltung ist, dass sie nach einiger Zeit nur noch zu größerer Erschöpfung und Resignation führt.
Diese resignative Grundstimmung scheint mir das Hauptproblem in der Veränderungsprozessen zu sein, die Kirche auf dem Land gegenwärtig durchmacht. Und bevor in einer Gemeinde über Neuansätze und Konzeptionen des Umgangs mit demografischen und kulturellen Veränderungen nachgedacht werden kann, braucht es eine Bearbeitung dieser resignativen Grundstimmung.
Als Kirche haben wir eine eigene Quelle zur Bearbeitung dieser resignativen Grundstimmung. Die Bibel. Ein erster Schritt des kirchlichen Umgangs mit diesen problematisch erlebten Veränderungsprozessen besteht darin, die biblischen Traditionen zur Deutung dieser Prozesse heranzuziehen.
Da findet sich zum Beispiel die Geschichte, die von der Deportation des Volkes Israel nach Babylon erzählt. Im Jahre 586 vor Christus wird der Zwergstaat Juda von der Großmacht der Neubabylonier militärisch niedergemacht. Jerusalem wird erobert, der Tempel als das zentrale Heiligtum und der Wohnort des Gottes Israels wird zerstört. Zehntausende werden als Gefangene nach Babylon deportiert und müssen dort unter widrigen Bedingungen sich neu eine Existenz aufbauen. Hier geht es nicht nur um langsame Prozesse der Schrumpfung und Verlagerung, sondern um einen äußerst harten Einschnitt. Aber die Infragestellungen der eigenen Identität ist vergleichbar. Die Deportierten fragen: Hat Gott uns im Stich gelassen? Wie können wir diesen Niedergang verstehen? Und welche positiven Zukunftsaussichten gibt es noch? Gibt es überhaupt noch welche?
In dieser Krise gibt es eine intensives Ringen um diese Fragen. Die Prophetenbücher Jeremia, Jesaja und Ezechiel legen Zeugnis davon ab. Nach einiger Zeit treten in Babylon Propheten auf, die ein ganz neues Gottesbild verkünden und den Menschen Mut machen. Sie proklamieren: Der Gott Israels ist nicht der Gott eines kleinen Volkes, der von viel mächtigeren Göttern anderer Völker besiegt wurde, sondern er ist in Wahrheit der einzige Gott. Alle anderen Götter sind nur Götzen. Erst in dieser Krise findet der Gottesglaube des Alten Testaments zu einem wirklichen Monotheismus, wie wir ihn kennen. Und dieser Gott wohnt nicht nur in einem Tempel und verliert seine Wohnung und Präsenz, wenn dieser Tempel zerstört wird. Er ist der Schöpfer der ganzen Welt und ist darum überall erreichbar. Dazu gibt es heilige Schriften, durch die er zugänglich wird. In dieser babylonischen Zeit werden deshalb die alten Traditionen verschriftlicht und bereits niedergeschriebene Überlieferungen weiter bearbeitet. Eine Urfassung der 5 Bücher Mose und der geschichtlichen Schriften des Alten Testaments entsteht. Und immer wieder darin die Grundaussage: Dieser Gott ist ein Gott, der seinem auserwählten Volk treu bleibt. Er wird ihm einen Neuanfang ermöglichen. „Fürchte dich nicht!“ heißt darum der häufig wiederkehrende Zuspruch der Propheten in der Zeit der Verbannung. Und in der Tat: Das neubabylonische Großreich wird nach zwei Generationen von den Persern erobert und der neue persische Großkönig Kyros erlaubt den Judäern die Rückkehr nach Jerusalem. Einige ziehen zurück, bauen den Tempel wieder auf und begründen das Judentum neu. Und so lässt sich im Rückblick sagen: Die Zeit der Deportation, die Zeit der Verbannung wurde zu einer Zeit, die wesentliche Neuansätze gelegt hat für die Zukunft und Grundlagen für die jüdische und später dann auch christliche Tradition gelegt hat. Das Jesaja-Buch, das Prophetenbuch in dem sich der Niedergang, die Zeit der Verbannung und die Rückkehr nach Jerusalem widerspiegelt, ist das altestamentliche Buch, das von Jesus und im ganzen Neuen Testament am stärksten rezipiert wird. Die Krisenzeit war also im Rückblick gesehen eine Zeit, in der wesentliche Grundlagen für spätere Zeiten gelegt wurden, in denen wichtige Neuanfänge möglich geworden ist. Und in dieser Krisenzeit war es für die damals Betroffenen wichtig festzuhalten an dem Gedanken: Gott geht mit uns, gerade auch in diesen schwierigen Zeiten. Er führt uns durch diese schwierige Zeit hindurch zu einer neuen Zukunft. Und er begegnet uns erneut, aber auch auf neue Weise, so dass wir ihn auch neu verstehen müssen.
Diese Grundüberzeugung - Gott geht mit uns durch diese Zeiten des Umbruchs. Und er wird uns neu begegnen und wird uns neue Formen des Glaubens und Kirche-Seins erschließen - scheint mir eine hilfreiche Kraft zu sein zur Bearbeitung der verschiedenen Umbruchsprozesse, in denen wir als Kirche und Gesellschaft stehen. Denn sie deutet krisenhafte Entwicklungen nicht nur als Abstieg, Niedergang und Auflösung, sondern als spannende Gegenwart, in der es etwas Neues zu entdecken gilt, in der es auch Gott und Kirche neu zu entdecken gilt - und zwar gerade inmitten dieser schwierigen Veränderungsprozesse. Dann reden wir nicht mehr ausschließlich vom „Noch“ und halten die glorreiche Vergangenheit einer trostlosen Gegenwart entgegen; sondern an manchen Stellen gibt es dann die Möglichkeit, vom „Schon“ zu sprechen. Jetzt leuchtet in dieser schwierigen Gegenwart schon etwas auf von einer neuen Zukunft, die wir eher erahnen als sie in allen Einzelheiten beschreiben zu können. Aber im Vertrauen, dieser neuen Zukunft entgegen zu gehen, können wir jetzt tastend Dinge versuchen und ausprobieren, können auch Fehler machen und Rückschläge hinnehmen. Weil wir getragen sind von dem Grundvertrauen, dass Gott mit uns auf dem Weg ist und uns in eine neue Zukunft führt.
Diese Grundüberzeugung zu stärken, die Hoffnung auf Gottes Gegenwart gerade in den schwierigen Veränderungsprozessen zu beleben, das ist die erste Aufgabe der Kirche. Damit werden noch keine konkreten Veränderungen bewirkt, sondern es werden zunächst Haltungen verändert. Eine solche Haltungsänderung scheint mir aber eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass neue Aufbrüche gelingen. Aus einer resignativen Grundstimmung heraus lässt sich nicht wirklich etwas Innovatives beginnen.
Aus einer hoffnungsvollen und zuversichtlichen Grundhaltung heraus aber ergibt sich eine Kreativität, die manchmal bisher Unmögliches möglich macht. Heute Nachmittag werden zwei Beispiele für solche kreativen Neuaufbrüche im Detail vorgestellt werden. Doch kreative Neuaufbrüche sind nicht immer spektakulär. Manchmal sind es einfach auch beherzte Schritte zu einer Redimensionierung kirchlicher Präsenz. Einige möchte ich nun im zweiten Teil meines Referats vorstellen.
Redimensionierung angesichts kleiner werdender Zahlen könnte ja heißen, einfach alles nur kleiner machen. Redimensionierung durch Minimierung also. Aber das funktioniert nur bis zu einer gewissen Grenze. Am Beispiel des Gottesdienstes wird dies leicht deutlich. Ein Gottesdienst, zu dem einst fünfzig Menschen kamen, kann auch noch gefeiert werden, wenn nur noch 20 kommen. Wenn aber irgendwann sich weniger als zehn Menschen versammeln, dann funktioniert die klassische Gottesdienstform nicht mehr. Dann erschlägt die Orgel den schwächer gewordenen Gesang, dann kann es sein, dass auf den liturgischen Gruß „Der Herr sei mit euch...“ nur noch die Orgel eine Antwort spielt aber niemand mehr singend antwortet. Dann braucht es auch andere Formen Dieses Phänomen gilt sicher auch für anderes: Wenn eine bestimmte Größe unterschritten wird, dann braucht es nicht nur quantitativ weniger, sondern etwas qualitativ anderes. Beim Gottesdienst kann das heißen: Statt eines klassischen Predigtgottesdienstes mit ausgefeilter Liturgie gibt es dann eine vereinfachte Liturgie und ein Bibelgespräch statt einer Predigt. Aus den zehn Gemeindegliedern, die bisher eher passiv am Gottesdienst beteiligt waren, werden Menschen, die sich aktiver in das gottesdienstliche Geschehen einbringen. Das kann so weit gehen - wie in ländlichen Regionen Ostdeutschlands schon praktiziert -, dass sich eine Gemeinde am Sonntag ohne Pfarrerin oder Pfarrer trifft, um Gottesdienst zu feiern. Dafür wurde in Ostdeutschland ein Gottesdienstbuch entwickelt mit Gebeten, die einfach gemeinsam gelesen werden, und einem Impuls zu einem Bibeltext, der verlesen wird und damit einen Einstieg in ein Gespräch eröffnet. Die Möglichkeit, spontan ein Lied einzubringen oder auch ein Anliegen für die Fürbitte zu äußern gehört ebenfalls dazu. Eine neue Form des Gottesdienstes also, weil es nicht mehr möglich ist, an der traditionellen Form festzuhalten. Redimensionierung durch Transformation also.
Redimensionierung durch Transformation ist wohl auch die Perspektive, wenn es um den kirchlichen Gebäudebestand geht. In vielen Gemeinden gibt es ja gleich eine Mehrzahl kirchlicher Gebäude: Neben der Kirche ein Gemeindehaus und ein Pfarrhaus, mancherorts auch einen Kindergarten. Wir gehen davon aus, dass wir bis 2040 etwa 30% unseres kirchlichen Gebäudebestandes aus finanziellen Gründen werden abbauen müssen. Dann werden wir aber immer noch mehr kirchliche Gebäude haben als in der 1950-er Jahren! In unseren internen Diskussionen geben wir dabei den verschiedenen Gebäuden unterschiedliches Gewicht: Kirchen sollen - wo immer es sinnvoll und möglich ist - erhalten bleiben. Als sakrale Gebäude stehen sie zentral für die christliche Kirche. Nicht zufällig verwenden wir ja denselben Begriff für das Gebäude und die Organisation. Aber nicht alle Kirchen müssen auf demselben Niveau gehalten werden. Manche Kirchen werden vielleicht nur im Sommer genutzt, weil es im Winter eine Raumalternative gibt. Dann spart man sich die Unterhaltung einer Heizung und die manchmal recht umfangreichen Heizungskosten. Für Gemeindehäuser werden wir eine regionale Planung vorsehen. Nicht jede Gemeinde braucht ei eigenes Gemeindehaus. Mancherorts ist ein Umbau der Kirche möglich und der Einbau von Gruppenräumen in die Kirche. Mancherorts ist die Mitnutzung von Dorfgemeinschaftshäusern oder Vereinsheimen denkbar. Auch über die ökumenische Nutzung von Gemeindehäusern wird mit der katholischen Kirche gesprochen. Hier gibt es also die Möglichkeit, einige Gemeindehäuser zu verkaufen und so Gemeinden finanziell zu entlasten. Pfarrhäuser schließlich haben in unseren Überlegungen die niedrigste Priorität. Grundsätzlich halten wir an der Residenzpflicht fest, aber deshalb muss es nicht in jeder Gemeinde mit einer Pfarrstelle eine hoch-herrschaftliche Residenz geben mit einem riesigen Pfarrhaus. Pfarrfamilien sind heute in der Regel kleiner als vor zwei Generationen. Deshalb kann es mancherorts auch sinnvoll sein, große Pfarrhäuser zu verkaufen und ein kleineres, passenderes vor Ort anzumieten. Daraus ergibt sich dann auch eine Trennung von Pfarrhaus und Pfarrbüro - und damit auch mancherorts eine Veränderung in der Kultur kirchengemeindlichen Lebens. Bei all diesen Überlegungen ist klar: Es gibt nicht einheitliche Lösungen, sondern in jeder Gemeinde müssen neue, kreative Lösungen gefunden werden. Zur Unterstützung der Gemeinden haben wir deshalb eine eigene Beratungsfirma gegründet. Und die Kirchenbezirke werden in den nächsten Jahren die Aufgabe bekommen, einen Gebäudemasterplan für den ganzen Kirchenbezirk zu entwickeln, in dem die Perspektive für alle Gebäude im Kirchenbezirk festgelegt wird. Zentrale Mittel für Bauvorhaben wird es nur noch dann geben, wenn über einen solchen Masterplan klar ist, dass ein Gebäude auch noch längerfristig genutzt wird. Um intelligente und kreative Umbau- und ggf. auch Neubauprogramme zur Redimensionierung möglich zu machen, werden in den nächsten Jahren auch zusätzliche Mittel zur Verfügung stehen - einerseits für Beratung der Gemeinden und andererseits für konkrete Baumaßnahmen. Wir wissen: Wenn wir im Gebäudebereich sparen wollen, müssen wir zunächst investieren.
Kirchengemeinden bilden neben Vereinen oft die zentrale Infrastruktur eines Ortes. Ich selbst war 14 Jahre lang Gemeindepfarrer in einem kleinen Dorf in der südlichen Ortenau. Als ich damals in diesem Dorf meinen Dienst antrat, gab es noch zwei Bank- und eine Postfilialen. Alle wurden dann geschlossen. Ein kleiner Dorfladen und eine kleine Bäckerei halten sich mühsam am Leben. Als Kirche wollen wir nicht - wie Banken und Post - grundsätzlich und in allen Bereichen den Weg der Zentralisierung gehen. Redimensionierung durch Zentralisierung kann für manche Arbeitsfelder hilfreich sein - zum Beispiel für die Jugendarbeit; aber nicht grundsätzlich und nicht in allen Bereichen. Unser Ziel als Kirchenleitung ist es, so weit als möglich, ein engmaschiges Netz von Pfarrstellen im Land zu erhalten. Und wir sind zuversichtlich, dass wir in den nächsten zehn Jahren keine Streichung von Gemeindepfarrstellen umsetzen müssen; rechnen aber damit, bis zum Jahr 2040 dann doch 20-30% unseres Personals reduzieren zu müssen. Dann wird es an manchen Stellen nicht anders gehen, als Arbeitsfelder zu zentralisieren.
Aber Redimensionierung durch Zentralisierung kann nicht die einzige Option sein. Vielmehr muss es darum gehen, durch kreative Maßnahmen und durch Kooperation die Struktur in Dörfern zu stärken. Warum sollte ein Pfarramt nicht mit einem Dorfladen verbunden werden können? Dann wird dort einerseits die kirchliche Verwaltung geleistet, man kann aber auch ein Päckchen zur Post bringen, Schreibwaren und vielleicht auch einige wichtige Lebensmittel kaufen. Oder warum sollten nicht Kirchengemeinde und Vereine bei Jugendarbeit oder Seniorenarbeit enger miteinander kooperieren können? Oder warum sollte nicht die Kirchengemeinde sogar selbst Unternehmer werden und neue Arbeitsplätze schaffen? Das Beispiel der Dorfkäserei, das Dekan Krauth heute Nachmittag vorstellen wird, geht in diese Richtung. Weiterführend kann es sein, wenn sich verschiedene Menschen in einem Dorf zusammensetzen und gemeinsam fragen: Worin liegen unser Stärken? Worin liegt die Besonderheit unseres Dorfes? Und dann entsteht vielleicht an der einen Stelle die Idee, die besonders schöne alte Dorfkirche als Hochzeitskirche in Kooperation mit einem örtlichen Gasthaus, in dem dann die Hochzeitsgesellschaft unterkommt, gemeinsam offensiv zu bewerben.
Vieles hängt davon ab, ob sich in den Dörfern eine resignative Stimmung breit macht oder ein starkes Selbstwertgefühl. Versteht sich ein Dorf nur auf dem absteigenden Ast oder ist es ein Ort, der ein gesundes Selbstbewusstsein hat. Das kann zum Beispiel darin zum Ausdruck kommen, wie der Ort mit den Weggezogenen umgeht. Vor kurzem erzählte mir ein Kollege, der aus einem fränkischen Dorf stammt, wie er einmal im Jahr in sein Heimatdorf fährt, um dort an einem besonderen Dorffest teilzunehmen. Voll stolz erzählte er von einer Wirtschaft im Dorf, in der ein ganz spezieller Kulturbetrieb gepflegt wird, mit Zügen ins Skurrile hinein. Er hat eine hohe Identifikation mit seinem Dorf. Und vermittelte das Gefühl: Dieses Dorf ist etwas Besonderes. Und er als Ehemaliger lebt eine ganz besondere Zugehörigkeit zu diesem Dorf. Dieses Pflegen von Verbindungen gerade auch zu Ehemaligen, dieses Kultivieren der Identifikation durch eine lebendige Fortentwicklung von Tradition könnte eine wichtige kulturelle Chance für Dörfer sein und gerade auch für Kirchengemeinden. Oft gibt es ja den Wunsch von Familien, dort zu heiraten oder die eigenen Kinder in der Kirche taufen zu lassen, in der man selbst konfirmiert wurde. Weil man zu dieser Kirche einen intensiven Bezug hat. Eine Dorfgemeinde tut gut daran, wenn sie dem Raum gibt und sich so weit über den eigenen Mitgliederbestand einem Sympathisantenkreis - neudeutsch: eine Community - aufbaut, die dann bei Bedarf auch als Unterstützerkreis fungieren kann. Dies setzt voraus, dass im Dorf und in der Kirchengemeinde Orte und Zeiten geschaffen werden, zu denen es sich lohnt, zurück zu kommen. Konfirmationsjubiläen und traditionelle Dorffeste können solche Orte darstellen. Es kann sich lohnen einen Newsletter herauszugeben und zu informieren über das Dorfgeschehen - gerade für die Dörfler, die nicht im Dorf wohnen. In manchen Dörfern gibt es auch Menschen, die dort ein Wochenendhaus oder eine Ferienwohnung haben. Auch diese nur zeitweise im Dorf lebenden Menschen sind als Mitglieder einer Dorfgemeinschaft in den Blick zu nehmen. Und sie können ein wichtiger Unterstützerkreis für Dorf und Kirchengemeinde werden. Redimensionierung durch neue Formen der Zugehörigkeit lautet hier mein Schlagwort.
Sie merken aus diesen Beispielen: Wenn neue Wege beschritten werden, wenn kreative Neuaufbrüche gelingen, dann wird nicht nur Bestehendes bewahrt und erhalten, sondern es entsteht auch etwas qualitativ Neues. Die Veränderungs- und Schrumpfungsprozesse auf dem Land können auch Anlass sein für solche kreativen Neuaufbrüche. In einer Kirchengemeinde, die bisher stark von der Betreuung des Pfarrers gelebt hat, wird eine Kirchengemeinde mit einer Gemeinschaft Engagierter. Aus einer Betreuungskirche entsteht eine Beteiligungskirche. Und auf einmal entsteht - trotz abnehmender Zahlen - eine ganz neue Lebendigkeit. Wenn das geschieht, dann gilt in der Tat: Weniger kann mehr sein. Redimensionierung in Kreativität muss darum die Devise lauten.
Dr. Matthias Kreplin
Oberkirchenrat
15.11.2013, Bad Herrenalb





