Solidarität mit und durch die Landwirtschaft

Weitere Infos zur Tagung

Die Landwirtschaft soll eine Fülle von gesellschaftlichen Funktionen erfüllen, wie Ressourcenschutz, Landschaftsgestaltung und die Bereitstellung preiswerter Lebensmittel. Und gleichzeitig sollen die landwirtschaftlichen Unternehmer unter den Bedingungen offener und globaler Agrarmärkte angemessene Einkommen erzielen  und ihre Betriebe entwickeln. Das ist für viele Familienbetriebe ein ganz schwieriger Spagat.
Daher brauchen die Landwirte unsere Solidarität, als Gesellschaft und als Kirche, um eine nachhaltige und multifunktionale Landwirtschaft auch ökonomisch darstellen zu können.

Die 4 Aspekte:

  • die Leistungen der Landwirtschaft für die Gesellschaft und Umwelt
  • die Spannungsfelder der  Familienbetriebe hier in Baden-Württemberg.
  • die solidarische Landwirtschaft
  • die gewerkschaftlicher Sicht: Warum der Mindestlohn auch in der Landwirtschaft notwendig ist.

Auf dieser Tagung wurde darüber informiert und diskutiert und gangbare Wege der Solidarität ausgelotet.

Horst Wenk, stellvertr. Hauptgeschäftsführer des Landesbauernverbandes Bden-Württemberg stellte in seinem Vortrag die Leistungen der Landwirtschaft für die Gesellschaft und Umwelt in den Vordergrund.
Die Landwirtschaft steht im Spannungsfeld zwischen Verbraucher, Globalisierung und agrarpolitischen Maßnahmen. Sie steht nicht nur im Wettbewerb durch EU-Erweiterung sondern durch globale Herausforderungen. Aufgabe der Landwirtschaft ist in erster Linie Nahrungsmittelherstellung, Pflege der Kulturlandschaften und Ressourcenschutz .Das Vertrauen in die Landwirte ist sehr groß.
Jeder neunte Arbeitsplatz hängt direkt oder indirekt an der Landwirtschaft, die einen Umsatz von 56 Milliarden Euro macht. Durch die technische Entwicklung haben sich die Erträge seit 1950 verdoppelt. Heute ernährt ein Bauer 144 Personen.

Wenk schilderte die Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel, der die Preise bestimmt. Die Verbraucher könnten Verbündete der Landwirtschaft sein z. B. regionale Produkte würde den Bauern wie auch den Verbrauchern nutzen.
Kritisch sah er den Flächenverbrauch in Baden-Württemberg und das Einkommen der Landwirte. Hier müssten sich die Förderungen der EU und dem Land ändern. Vor allen Dingen das Verbraucherverhalten.



Rolf Brauch
, Regionalbeauftragter Nordbaden betonte in seinen Ausführungen die Spannungsfelder der  Familienbetriebe hier in Baden-Württemberg. Er stellte die Stärken des Familienbetriebes heraus wie Überschaubarkeit und Schnelligkeit, Krisenfestigkeit und Verantwortungsbewusstsein. Dass nur 30% der landwirtschaftlichen Betriebe einen Nachfolger haben zeigt auch die Schwäche der Familienbetriebe wie Lebensqualität, hohe Kosten und Familienkonflikte. Er plädierte dafür, dass die Familienbetriebe sich das bewusst machen und das Betriebssystem und das Familiensystem voneinander trennen. Dann ist es möglich, dass das leitbild Familienbild nicht zum Leidbild wird. Denn wir brauchen auch weiterhin Landwirte mit Bodenhaftung, Verantwortung und Bezug zur Region und dem Verbraucher.



Einen besonderen interessanten Aspekt brachte Frau Maike Aselmeier in die Tagung ein. Sie stellte die solidarische Landwirtschaft vor.

Frau Aselmeier ist Landwirtin, Psychologin und Mediatorin, rund 4 Monate verbringt sie im Sommer auf einer Alp in der Schweiz. Sie ist Mitglied einer Solidarischen Landwirtschaft und Freiburgerin.

Die Grundidee der solidarischen Landwirtschaft, auch CSA, ist:
Ein Hof versorgt einen Kreis von Menschen mit Lebensmitteln, während diese Gruppe von Menschen dem Hof die (Finanz-) Mittel bereitstellt, um wirtschaften zu können. Die Verbraucher teilen sich die Ernte und tragen die Risiken gemeinsam mit dem aktiven Bauern.

„Die Bewegung ist in den 60er Jahren in Japan entstanden (Teikei)“ und wurde von Jan Vander Tuin und Trauger Groh in Europa etabliert.
2011 erfolgte die Gründung Netzwerk solidarische Landwirtschaft in Deutschland. Mittlerweile gibt es 74 Höfe in Deutschland.

Aselmeier stellte kurz die GartenCoop Freiburg vor. Diese besteht aus einem landwirtschaftlichen Betrieb und einem Verein mit 290 Mitgliedern, die den Gemüseanbau solidarisch finanzieren, tatkräftig anpacken und sich die Ernte teilen. Der Luzernenhof mit Stall und Käserei liegt eingebettet im Dorf Seefelden. Zu ihm gehören 32 ha Wiesen und Ackerflächen, die seit vielen Jahren ökologisch bewirtschaftet werden. Er ist der letzte Hof mit Milchkühen in der Gemeinde. Frau Aselmeier machte deutlich wie wichtig der Einfluss und die Möglichkeiten der Verbraucher sind.



Die Zivilisation geht ihrem Ende zu, wenn die Landwirtschaft aufhört eine Lebensform zu sein und zur Industrie wird (Nicolas Gomez Davila)



Spannend wurde es auf der Tagung beim Thema Mindestlohn. Elwis Capece NGG Karlsruhe argumentierte aus gewerkschaftlicher Sicht warum der Mindestlohn auch in der Landwirtschaft notwendig ist. Es wurde in der Landwirtschaft eine Stufenreglung zur Einführung des Mindestlohnes vereinbart.  Durch das neue Gesetz wurde der Mindestlohn auf 8,50 € festgelegt. Die betroffenen Arbeitnehmer sollen dadurch besser gestellt werden. Dem entgegnete Franz Josef Müller, Oberkirch, Präsident des Landesverbandes Erwerbsobstbau Baden-Württemberg, dass der Aufwand und der Nutzen des Mindestlohnes in keinem Verhältnis steht. Für die vorwiegend familiengetragene Betriebe in Baden-Württemberg bedeutet der Mindestlohn und die Dokumentationspflicht eine bürokratische Überlastung. Es ist damit zu rechnen, dass viele Betriebe aufhören. Das kostet viele Arbeitsplätze, weil der Wettbewerb durch den Preisdruck des Einzelhandels stark zunimmt. In der sehr kontroversen Diskussion wurden die verschiedensten Standpunkte ausgetauscht. Doch es wurde deutlich, dass nicht der Mindestlohn an der Situation schuld ist, er verschärft sie nur, sondern im Grunde der Preisdruck des Einzelhandels und das Verbraucherverhalten.



Zum Schluss der Tagung machte Frau Lieber, Mannheim, Fair-Handelsberaterin, dass durchaus der Verbraucher es in der Hand hat etwas zu ändern. Sie meint, was hindert uns zu verzichten oder anders einzukaufen. Lassen wir uns nur von „billig“ leiten und fragen nicht woher die Produkte kommen. es gibt viele Möglichkeiten als Verbraucher Einfluss zu nehmen, meint Frau Lieber. Konsumvermeidung und kritische Anfragen an die Hersteller sind dabei wichtig, wie auch die Frage nach dem fairen Handeln und welche Label haben mein Vertrauen.



Hermann Witter
, Pfarrer des KDL gestaltete zusammen mit Siegfried Aulich den Gottesdienst zum Ende der Tagung.
 
In seiner Predigt ging Witter auf die Versuchungsgeschichte Jesu nach Matthaus 4 ein und sagte, zuerst bietet der Versucher scheinbar Harmloses, Materielles (Brot), dann versucht er das Denken des Opfers zu bestimmen und letztlich geht es ihm um die ganze Person. Er möchte den Menschen von sich abhängig machen. Damit dem Versucher, dem Teufel, das nicht gelingt, gibt es nur einen Weg: Gott die Treue zu halten.
Wenn wir versuchen treu zu bleiben, werden wir auch mit Widerständen zu kämpfen haben. Treue gibt es nicht ohne Versuchung. Die Versuchung ist die Zwillingsschwester der Treue. Wo muss ich mich abgrenzen, wo ist meine Treue/ meine Solidarität mit meinem Partner, mit meinem Gott, meinem sozialen Umfeld gefordert?

Wenn es aber dem Versucher gelingt, einen Keil zwischen die Menschen, zwischen Menschen und Gott, zwischen Menschen und ihren religiösen Beziehungen und zwischen Menschen und ihren sozialen Kontakten zu treiben, nach dem Motto: „Geiz ist geil“, dann sind alle in Gefahr, weil dann die Solidarität wegbricht. Dann gibt es nur einen Gewinner, den Versucher.