Energie aus Lebensmitteln?

Ethische und agrarwissenschaftliche Aspekte

Der Atomausstieg ist nun beschlossene Sache, aber damit stellt sich die ganz wichtige und durchaus schwierige Aufgabe diesen Ausstieg als Einstieg in andere Formen der Energieerzeugung zügig zu gestalten. Damit stellt sich automatisch auch die Frage der Erzeugung von Energie aus Lebensmitteln.
Dabei erscheint es mir ganz wichtig zu betonen, dass Bio-Energie die dritte Priorität hat –erst kommt das Sparen, dann die Effizienz und dann erst die Bio-Energie. Und bei der Erzeugung von Bio-Energie aus Lebensmitteln oder auf Flächen der Nahrungsmittelproduktion  müssen wir uns besonders fragen, ob das jenseits der Fragen der Ökonomie und der technischen Machbarkeit unter ethischen Aspekten sinnvoll ist.

Das „tägliche Brot“ hat für uns Christen absolute Priorität, jeder Mensch hat darauf einen auch biblisch begründeten Anspruch.
Hervorragend formuliert ist das in der Auslegung Martin Luthers der Vater Unser Bitte ums tägliche Brot.

Das ist auch politisch weitgehend unumstritten. Soweit das Fundamentale.

Schwierig wird es schon bei der Frage: Was ist unser täglich Brot? Hier einige Zahlen: Weltweit werden pro Person ca. 4.600 Kilokalorien produziert, ein Mensch bräuchte etwa 2.000 zum Leben. Aber nur 3.000 Kalorien stehen aufgrund von Verlusten (Ernte,- und Nachernteverlusten) zur Verfügung. Die Umwandlung der Nahrungsmittel in Veredlungsprodukte (Fleisch, Milch, Eier) oder in Bio-Energie bringt weitere „Verluste“ mit sich. Bei Fleisch brauchen wir etwa sieben Kalorien, um eine tierische Kalorie zu erzeugen.
Bei der Frage der „Verluste“ gilt es auch in der Forschung dringend anzusetzen. Es gilt nicht unbedingt immer mehr produzieren zu wollen, sondern „nur“ das Notwendige und das dann auch zu erhalten. Wir brauchen statt nur „Mehr“, mehr „anders“ und „besser“. Damit ist das Thema des Fleischkonsums deutlich anzusprechen.

Erschreckende Tatsachen sind: In Deutschland werden pro Jahr pro Jahr 20 Mio. Tonnen Lebensmittel weggeworfen, ein Drittel der Weltnahrungsproduktion geht verloren.

Frage: Was „verschwenden“ wir weltweit  alles, bis es täglich Brot ist auf unserem Teller? Was können wir hier tun?

Ohne Energie gibt es auch kein Brot – Wir brauchten immer schon Flächen, um Energie zur Lebensmittelerzeugung zu erzeugen(„Hafermotor). Der Konflikt zwischen Lebensmitteln und Energie ist ur-alt und nicht neu. Tägliches  Brot ist nach Martin Luther alles, was wir brauchen zum Leben, das ist notwendigerweise eben auch Energie.

Wollen oder sollen und wenn ja wie wir mit unserer Landwirtschaft einen Beitrag leisten zur Welternährungssituation? 
Dieser muss meines Erachtens vor allem jenseits der Katastrophenhilfe darin bestehen andere Länder zu befähigen ihre Nahrung selber zu produzieren. Er kann nicht darin bestehen, bei uns erzeugte Nahrungsmittel zu exportieren und dies auch noch zu subventionieren.

Und sind wir selber bereit einen Beitrag zu leisten, dass alle Menschen ihr tägliches Brot haben? Das geht von unserem Konsumverhalten bis zum Einbringen in den politischen Dialog.

Ich formuliere daher in aller Kürze folgende Leitlinien:


1. Nahrung hat Vorrang. Weltweit wird die Flächenkonkurrenz zunehmen aufgrund wachsender Weltbevölkerung, mehr Konsum von Veredlungsprodukten und der Zunahme der Bio-Energieproduktion. Damit ist auch die weltweite Bio-Energieproduktion ein Preistreiber für Nahrungsmittel. In Deutschland besteht keine generelle Konkurrenzsituation. Allerdings hat das EEG(Erneuerbare Energie Gesetz) einen klaren Anreiz geschaffen z. B:  mehr Bio-Gas Anlagen zu bauen, was in manchen Regionen zu Problemen führt (Pachtpreise steigen, mehr Mais in der Fruchtfolge, mehr Transport, nicht genutzte Wärme…)

2.  Wir sollten tierische Nahrungsmittel maßvoller konsumieren –Wir importieren in Deutschland ca. 4 Mio. Hektar Fläche über Futtermittelimporte. Damit verschärfen wir weltweit die Konkurrenzsituation um Fläche.

3. Verschwendung von Lebensmitteln unbedingt vermeiden

4. Bio-Energie möglichst aus Wind, Sonne, Wasser. Reststoffe haben  absolute Priorität wie z. B. Gülle in der Bio-Gas Produktion oder Stroh für die Bio-Sprit Erzeugung. Allerdings ist es regional durchaus differenziert zu beurteilen, ob z. B. der Anbau von Biogasmais eher unproblematisch ist.

5. Wir sollten bei aller Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit der Bio-Energie Produktion nicht die Rangfolge vergessen: Erst Energie sparen, wo immer das geht wie bei der eigenen Mobilität, dem Heizen oder dem Fleischkonsum. Dann kommt die Erhöhung der Effizienz der Energieverwendung und dann kommt an dritter Stelle erst die Möglichkeit der Bio-Energieproduktion.

6. Bio-Gas hat den Vorteil der Grundlastfähigkeit und kann dezentral erzeugt und genutzt werden. Die Erzeugung sollte eher auf Reststoffen basiert sein und die Wärmenutzung zwingend vorgeschrieben werden, zumindest ein hoher Prozentsatz. Bio-Gas sichert Wertschöpfung in der Region und schafft für Landwirte neue, durch das EEG auch sichere Einkommensquellen. Wir sollten gemeinsam mit Akteuren der Region wie Kommunen und Kirchen oder auch Firmen und Handwerkern Kooperation gründen wie z. B. Energiegenossenschaften. Bio-Energie ist auch ein „Einfallstor“ für Investitionen von Kapital von außen mit der Gefahr der Fremdsteuerung und der Überstrapazierung regionaler Kreisläufe. Die Sicherheit der Anlage ist vorher sorgsam zu prüfen und sicherzustellen. Es ist ein Augenmerk auf den Anteil von Mais in der Fruchtfolge zu werfen. Es gilt alternative Pflanzen zu finden und Landwirte zu kooperativen Lösungen in der Gemarkung durch Anbauverträge zu ermutigen. Bio- Gas Erzeugung mit Wärmenutzung ist daher eine große Chance einer Dorfgemeinschaft zu mehr Kooperation, Gemeinsinn und Wertschöpfung. Die Kirchengemeinde kann hier Motor und Moderator sein und Zeichen setzen für einen schöpfungs-und sozialverträglichen Lebensstil  und eine ethische Reflexion politischer und ökonomischer Entscheidungen.