Der Kirchliche Dienst Land der Ev. Landeskirche in Baden hatte zu einem Begegnungs-und Informationsabend zum Weltagrarbericht ins Bildungshaus Neckarelz eingeladen und viele Menschen waren der Einladung gefolgt. Nach der Begrüßung durch den „Bauernpfarrer“ Hermann Witter referierte Benedikt Haerlin, ein Journalist und Mitverantwortlicher für diesen Bericht, sachkundig und differenziert mit vielen Fakten zur Zukunft der Landwirtschaft.
Wir dürfen die Chance für eine Wende in der europäischen Landwirtschaft nicht verspielen“, sagte Benedikt Haerlin von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft. Die Reform der gemeinsamen Agrarpolitik der Europäischen Union nach 2013 muss die Lehren des Weltagrarberichts der Weltbank und der Vereinten Nationen umsetzen. Über 500 Wissenschaftler aus 86 Ländern hatten diesen umfassendsten Bericht zur Lage der globalen Landwirtschaft erstellt, den es bisher gibt. 58 Länder, Deutschland ist nicht darunter, haben ihn unterzeichnet. „Weiter wie bisher ist keine Option“, ist die Überschrift, „Landwirtschaft am Scheideweg“ der Titel dieses Berichtes, in dessen Aufsichtsrat Haerlin neben Regierungen, Unternehmen und Wissenschaftlern die Nichtregierungsorganisationen vertrat.
Die ökologisch wie sozial nachhaltige Überwindung des Hungers und Bewältigung der enormen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte sei in erster Linie von den Kleinbäuerinnen und Kleinbauern dieser Welt zu leisten. Eine vielfältige und agrarökologisch ausgerichtete Produktion von Lebensmitteln müsse dabei im Vordergrund stehen. „Dazu ist eine Abkehr von den industriellen Monokulturen der vergangenen Jahrzehnte, von dem Dogma „wachse oder weiche“ und von einer Ausrichtung am Weltmarkt erforderlich“, sagt Haerlin.
Während gegenwärtig fast 1 Milliarde Menschen hungern, leiden über 1 Milliarde Menschen zugleich an krankhaftem Übergewicht und eine weitere Milliarde an Mangelernährung. Fast die Hälfte der Menschheit erleide also in sehr unterschiedlicher Form gesundheitliche Schäden aufgrund einer verfehlten Landwirtschafts- und Ernährungspolitik. Dies sei mit enormen Kosten und Verlusten an Leistungsfähigkeit verbunden.
Nach übereinstimmender Meinung der Wissenschaft müssen wir unsere Klimagasemissionen in den nächsten Jahrzehnten um mindestens 80% reduzieren, wenn die Erderwärmung nicht um mehr als durchschnittlich 2 Grad ansteigen soll. Im Jahre 2050 müssen sich also statt derzeit 7 dann 9 Milliarden Menschen mit einem Fünftel der gegenwärtigen Klima-Emissionen ernähren.
„Dieser Jahrtausendaufgabe für die Land- und Ernährungswirtschaft muß die Europäische Union gerecht werden. Wenn sie dies nicht zu einer Priorität ihrer Agrarreform 2013 macht, verlieren wir wertvolle Zeit, “ warnt Benedikt Haerlin.
Ebenso wichtig sei eine „neue Ökonomie der Sparsamkeit statt sinnloser Verschwendung“ auf Seiten des Verbrauchs. „Unser gegenwärtiger Massenkonsum von Billigfleisch ist gehört zu den schlimmsten Formen der Verschwendung, die zudem auf Kosten unserer Gesundheit geht, ebenso der Skandal, dass heute in Europa etwa 30% aller Lebensmittel weggeworfen werden.“ .
„Europa kann sich heute nicht einmal mehr selbst ernähren“, weist Haerlin das Argument zurück, die landwirtschaftliche Produktion müsse um jeden Preis gesteigert werden, um die Welt zu ernähren. Gegenwärtig leiste sich die EU als reichste Wirtschafts- und größte Handelsmacht der Welt, die global gesehen zudem über eine einmalige landwirtschaftliche Gunstlage verfüge, ein Flächendefizit von 35 Millionen Hektar: Der größte Posten sei dabei der Import von Viehfutter, größtenteils von Soja für die Produktion an Fleisch. „Wir sollten nicht mehr Fleisch produzieren als unser Land tragen kann, “ fordert Haerlin, „unsere Eiweissimporte durch heimische Produktion zu ersetzen, würde zudem das Problem der Gentechnik erledigen und einen wichtigen Beitrag zur Reduzierung des Stickstoffeinsatzes und zu besserer Fruchtfolge leisten“.
„Immer mehr Steuerzahler in Europa fragen sich welchen Beitrag ihre öffentlichen Mittel, für die Entwicklung des ländlichen Raums, der Kulturlandschaft und Natur, zur Lebensmittelqualität, zur Anpassung an den Klimawandel, aber auch zur weltweiten Gerechtigkeit leisten“, resümierte Haerlin.
Im Anschluss an den Vortrag gab es in der vom Regionalbeauftragten Rolf Brauch geleiteten Diskussion Rückfragen, Zustimmung, aber auch kritische Rückfragen. Einig war man sich aber in der Einschätzung, dass es nur in der Gemeinsamkeit von Erzeugern und Verbrauchern tragfähige Lösungen gibt, die auch einen deutlichen Blick nimmt auf die Belange der Menschen außerhalb Europas und der Schöpfung. Ein „Weiter so“ ist wirklich keine Lösung, aber einfach sind die Lösungen wirklich nicht und oft ist die Wahrheit eher grau.
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