Dialog zwischen Technik und Gesellschaft
Bad Herrenalber Akademiepreis 2023 an Prof. Dr. Armin Grunwald verliehen

v.l. Prof. Dr. Peter Müller, Dr. Armin Grunwald,
Pfr. Dr. Gernot Meier
Für seine herausragenden Beiträge zum Dialog zwischen Technik und Theologie bekam Prof. Dr. Armin Grunwald vom Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) am Karlsruher Institut für Technologie den Bad Herrenalber Akademiepreis 2023 verliehen.
Prof. Grunwald ist Philosoph und Physiker. Neben der Leitung des ITAS hat er den Lehrstuhl für Technikphilosophie und Technikethik am KIT inne, zudem leitet er das Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag und gehört(e) vielen weiteren Gremien der Gesellschafts- und Politikberatung an, etwa dem Nationalen Begleitgremium Endlagersuche, dem Nachhaltigkeitsbeirat der baden-württembergischen Landesregierung oder dem Deutschen Ethikrat.
Der Bad Herrenalber Akademiepreis wird einmal jährlich vom Freundeskreis der Evangelischen Akademie Baden an herausragende Beiträge zum Dialog zwischen Theologie und anderen Wissenschaften verliehen.
Kommunikation über die Folgen von Technik
In der Laudatio auf den Preisträger bezeichnete Akademieleiter Dr. Gernot Meier die Technikfolgenabschätzung als wechselseitige Kommunikation: „Sie ist ein umfassendes Verfahren zur wissenschaftlichen Erforschung der Auswirkungen von Technik und ihrer gesellschaftlichen Bewertung. Das umfasst die Kommunikation von Risiken, die Einbindung der Öffentlichkeit in Prozesse, die Gestaltung von Technologie im Sinne der Nachhaltigkeit, die Regulierung von Technologie und das Moderieren von Konflikten.“
Zentrale Adressaten der Technikfolgenabschätzung seien neben der Gesellschaft als Ganzes vor allem demokratische Institutionen, die sie wissenschaftlich berät. Damit gehe eine ungeheure Macht einher, mit der das ITAS aber bescheiden umgehe, so Dr. Meier. „Statt technokratisch zu agieren und optimierte Lösungen mit der Autorität der Wissenschaft zu empfehlen, wird stets auch die Notwendigkeit alternativer Optionen und Meinungen aus anderen Bereichen betont“, so der Akademieleiter bei der Preisverleihung in Bad Herrenalb. „Macht und Bescheidenheit erscheinen mir deshalb als zwei zentrale Begriffe bei der Beschäftigung mit dem ITAS und dem Preisträger. Man könnte das Institut auch als gesellschaftliche Plattform für Aushandlungsprozesse betrachten, auf der Technologie eine zentrale Rolle spielt.“
Wenn der Fortschritt Ängste auslöst
Der Vorsitzende des Freundeskreises der Evangelischen Akademie Baden, Prof. Dr. Peter Müller, thematisierte in seiner Ansprache die Folgen von neuer Technik, die sich etwa ab Mitte des 19. Jahrhunderts in Angst vor der „Eisenbahnkrankheit“ manifestierte. Die Freude über die neue Mobilität und den Fortschritt, den sie in entlegene Gebiete brachte, wurden damals geschmälert durch die Angst vor Symptomen wie Erschöpfung und Reizbarkeit durchs Bahnfahren. „Als eigentliches Problem stellte sich dann später der umweltschädliche CO2-Ausstoß durch die Verbrennung von Kohle heraus“, so Prof. Müller.
Unglücke wie Tschernobyl und Fukushima zeigten die zerstörerische Auswirkung der günstigen Stromgewinnung durch Atomkraft. Heute löst Künstliche Intelligenz bei vielen Menschen die Angst aus, ihren Arbeitsplatz zu verlieren.
Negative Folgen immer einpreisen!
Die Technik macht etwas mit uns, wenn sie da ist“, erklärte der Preisträger in seiner Dankesrede. „Wir passen uns der Technik an. Ihre Welt sieht anders aus, je nachdem, ob Sie Fahrradfahrer oder Autofahrer sind. Und wenn eine Straßenbahn irgendwo gebaut wird, siedeln sich dort mehr Menschen an.“
Ohne Technik, so sieht es Prof. Dr. Armin Grunwald, wäre das Anthropozän als Zeitalter des Menschen nicht möglich. „Technischer Fortschritt wird von uns sofort aufgegriffen und in Wertschöpfungsketten übertragen, Wachstum steckt in unseren Köpfen.“
Dass die Weltbevölkerung im Jahr 1928 die Grenze von zwei Milliarden überschritten hat, könne man zunächst einmal als Erfolg werten. Denn so viele Menschen hatten nie zuvor gleichzeitig und in relativem Wohlstand auf der Erde gelebt. Nicht einmal hundert Jahre später ist unsere Zahl auf mehr als acht Milliarden angestiegen … „Voraussetzung für diese Erfolgsgeschichte war, dass die Natur lange als Ressource zur menschlichen Nutzung galt“, so Armin Grunwald. Längst sehe man nun auch die Schattenseiten wie Müllprobleme, Endlagersuche oder Klimawandel.
Nichtintendierte Folgen seien deshalb immer in die Technik einzupreisen, denn Erderwärmung resultiere ja nicht aus kaputten Autos, sondern aus einwandfrei funktionierenden Autos! Und hinter Hate Speech steht nicht ein kaputtes Internet, sondern ein reibungslos funktionierendes Internet, präzisiert der Preisträger.
Die Negativseite sei immer eingewoben in die positive Seite von technischem Fortschritt, so der Experte für Technikfolgenabschätzung. Im Umgang mit Technik solle man nie aufhören zu fragen, sonst sei der Mensch der von ihm geschaffenen Technik bald unterlegen. Gerade weil der Mensch ein einzigartiges Lebewesen ist und zu umfassender Verantwortung fähig, sagt Armin Grunwald als gläubiger Christ: „Es kommt auf uns an! Gott wird kaum einen Knopf drücken, um uns kurz vor dem Ende doch noch alle zu retten.“





