Predigt Hermann Witter bei seiner Verabschiedungstagung am 01.03.2020

Predigttext: Gen. 3,1-19

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.
Amen
Predigttext: Gen. 3,1-19
Liebe Gemeinde,
vor vier Wochen fand in Ihringen am Kaiserstuhl der BezirksLandfrauenTag vom Freiburger Bereich statt. Neben der Verabschiedung der langjährigen Vorsitzenden stand eine schwäbische Kabarettistin auf dem Programm, die ihren Auftritt unter die Überschrift „Zur Sache Frau“ stellte.
Wesentliche Impulse ihrer amüsanten, kritischen und nachdenklichen Beiträge zur Gleichstellung von Mann und Frau bezog sie aus der „Äpfelesgeschichte“, wie sie die Erzählung vom Sündenfall nannte.
Gerne hätte ich dazwischengerufen, dass es gar kein Apfel war, den Eva dem Adam reichte. Aber wer interessiert sich schon in heutiger Zeit für Fakten angesichts einer übermächtigen Tradition, die immer wieder von neuem erzählt, dass es ein Apfel war. Nichts davon steht in der Bibel. Doch sei es drum. Es geht nicht ums Obst in dieser Geschichte, sondern um etwas ganz anderes.
Die Vertreibung aus dem Paradies, also die Entfremdung des Menschen von Gott ist eigentlich ein ernstes, schweres Thema, das die Bibel aber nicht ohne Humor erzählt.
Die Schlange begreift die Situation im Handumdrehen und nutzt sie geschickt, um einen Keil zwischen Gott und den beiden Menschen zu treiben.
Die Frau will klug werden und lässt sich dazu verleiten, das lebensschützende Verbot zu übertreten und der Mann macht einfach mit, ohne irgendwie selber zu denken.
Mann und Frau erschrecken über das Getane. Das Gefühl der Scham wird wunderbar ins Bild gesetzt durch das Feigenblatt. Die peinliche Begegnung mit Gott, die Ausreden, die das Ganze nur noch schlimmer machen: Adam schiebt alles auf Eva und letztlich auch auf Gott: „Die Frau, die du mir zugesellt hast, die gab mir und ich aß."
Die Ausrede der Frau nicht wesentlich besser: „Die Schlange war's, die mich betrog..." - und schon sind wir drin in der unendlichen Geschichte menschlichen Fehlens und Versagens und Sich-Herausredens und keiner-will’s-am-Ende-dann-gewesen-Sein.
Die Reaktion Gottes: Der Rauswurf aus dem Paradies. Gott verhängt nicht die eigentlich vorgesehene Strafe des Todes.
Die Strafe ist: sie sollen leben, mit Mühen und Schmerzen beim Kinderkriegen und mit einigem Stress beim Arbeiten. Aber: sie sollen leben.
Und sie sollen behütet und gesegnet sein. Sie sollen ihr tägliches Brot essen und sie sollen bekleidet sein mit Röcken von Fellen (und man darf sich da sicher auch was Schickeres vorstellen). Ausgestattet sind sie mit dem Wissen um Gut und Böse. Sie sind geworden wie Gott, was selbstverständlich nicht heißt, dass sie Gott sind.
Weil sie aber vom Baum des ewigen Lebens nicht essen sollen und weil Gott ihnen den illegalen Grenzübertritt durchaus zutraut, deswegen wacht der Cherub, also der Engel, mit flammendem Schwert vor den Toren des Paradieses und verstellt den Weg hinein. Und wir - sind draußen.
Was kann man anfangen mit dieser Geschichte? Wie soll man umgehen mit ihr?
Man könnte zum Beispiel, herumjammern darüber, dass das Paradies verloren und seitdem alles einigermaßen anstrengend ist und am Ende sowieso keinen Zweck hat. Aber mit solchen selbstmitleidigen Tönen, liebe Gemeinde, geben wir uns am besten gar nicht erst ab.
Gestern beschäftigten wir uns auf unserer Tagung mit der Tatsache, dass der Boden, von dem wir alle leben, begrenzt ist.
Wir haben gehört, wie Wohnen im Ländlichen Raum bezahlbar gemacht werden könnte, wie im Ackerbau auf die Klimaveränderung reagiert werden kann. Und wie im gegenwärtigen Bilanzierungssystem ökologische Leistungen ökonomisch abgebildet werden können.
Darüber hinaus bekamen wir wertvolle Informationen zur Regionalplanung, zur Bodenpolitik unserer Landeskirche und wie man auch in städtischen Gebieten Flächen zum Anbau von Nutz- und Zierpflanzen verwenden kann. Ein Beitrag über den Umgang mit dem Boden in biblischer Zeit vervollständigte den Themenfächer dieser Tagung.
Und am Ende des Tages konnten wir noch flüssige und feste Lebensmittel genießen, die mit viel Fleiß, viel Können hergestellt worden sind. Fast paradiesische Zustände.
Liebe Gemeinde,
Politiker mögen zeitweilig den Eindruck erwecken, paradiesische Zustände herstellen zu können, blühende Landschaften versprechen und Wachstum und Arbeit - aber je besser und seriöser sie sind, desto unmissverständlicher werden sie sagen, dass die Gestaltung, unserer Gott sei Dank demokratischen Gesellschaft, nichts anderes ist, als ein anstrengendes, zähes Ringen und schwieriges Verhandeln und ein „Sich-immer-wieder-einigen-müssen“. Das Wesen der Demokratie besteht auch im Kompromiss. Wer den Kompromiss verächtlich macht, legt die Axt an die Wurzeln einer demokratischen Gesellschaft.
Wo ist also die positive Botschaft der Sündenfallgeschichte?
Es wird uns, liebe Gemeinde, nichts anderes übrig bleiben, als noch einmal zu unserer Geschichte zurückzukehren und näher zu betrachten.
Die Zwiespältigkeit menschlicher Existenz ist es, die hier erzählerisch dargestellt wird. Einerseits den Segen, Kinder haben zu können und die Mühe, sie auf die Welt zu bringen und sie heil und einigermaßen ohne physische und psychische Blessuren durch die Kinder,- und Jugendzeit zu bringen, gleicht einem Spagat.
Das Geschenk, Beziehungen eingehen zu können und die Nöte, die entstehen können beim Versuch, sie gut und gerecht und gleichberechtigt zu gestalten ist genauso eine Kugelfuhre.
Die Freude, einer Arbeit nachzugehen, sich etwas vorzunehmen, Pläne zu machen, sich anzustrengen, sich einzusetzen - und die Frustration, wenn die Dinge nicht so klappen wie man wünscht, zu lange dauern, nicht vorwärts gehen, wenn man nicht weiterkommt, gleicht einem Wechselbad der Gefühle.
Das gilt ja beileibe nicht nur von der harten körperlichen Arbeit auf dem Feld, sondern ebenso von unserer Arbeit in der Akademie, im Oberkirchenrat, wenn ich recht gehört habe auch im Ordinariat, in den staatlichen Verwaltungen, in den Betrieben, in den Schulen, Verwaltungen, bei den Verbänden oder für die Arbeit der Hausfrauen und Hausmänner.
Für uns alle gilt: Mit Mühsal sollst du dich nähren dein Leben lang, und am Ende wirst du wieder zur Erde, davon du genommen bist.
Und die Erkenntnis von Gut und Böse, die uns Menschen in der Tat auszeichnet vor dem Tier, dass wir unser Leben selbst bestimmen wollen und können: aber damit ist eben auch immer verbunden, nämlich, dass ich die damit verbundenen Beschwernisse in Kauf nehme.
Die Bibel traut uns zu, wir Menschen, weil wir die Erkenntnis von Gut und Böse haben selbst herausfinden sollen, was dem Leben förderlich und was schädlich, was gut und was schlecht, was nützlich und was von Übel ist.
Haben wir dieses Zutrauen verdient?
Ich würde sagen: zumindest versuchen wir ihm zu entsprechen, aber: Den Eindruck, dass wir mit unseren Mühen wirklich in der Lage sind, Gutes nachhaltig zu fördern oder Unheil wirklich abzuwenden, dieser Eindruck will sich bei mir wirklich nicht einstellen.
Was ist tröstlich an der Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies?
Wenn wir uns an die Erzählung selbst halten, kann man, darf man, muss man glaube ich beachten, dass mit der Vertreibung aus dem Paradies die Zusage der Fürsorge Gottes für die Menschen einhergeht.
Eva zum Beispiel wird die Mutter all derer, die da leben: Es ist Gottes Geschenk, dass wir alle am Leben sind und leben dürfen.
Adam und Eva werden von Gott persönlich bekleidet: Es ist sein Geschenk, dass er uns anzieht und wärmt.
Es ist Gottes Geschenk, dass wir unser tägliches Brot haben, unser Aus- und Einkommen, das, was wir brauchen und mehr als das.
Es ist Gottes Geschenk, dass wir nicht als einzelner aus dem Paradies vertrieben sind, sondern zu mehreren, so dass wir nicht allein sind, Freunde haben, vielleicht sogar einen Partner, dass wir liebenswürdige Kollegen haben, anregende Gesprächspartner, interessante Leute um uns herum.
Es ist Gottes Geschenk, dass wir, wo auch immer arbeiten können.
Und: Auch die Begrenzung, die wir erfahren, ist letztlich Gottes gutes Geschenk. Sie schützt uns davor, dass wir uns überfordern und möglicherweise übergriffig werden, so wie die ersten Menschen, denn an den Baum mit den Früchten des ewigen Lebens kommen wir nicht ran. Der Cherub passt auf.
Irgendwie ist die Vertreibung aus dem Paradies auch die Geburt der Gnade im Umgang Gottes mit seinen Menschen:
Diese Gnaden-Geschichte findet ihren Höhepunkt und ihre Vollendung im Leben, Sterben und Auferstehen von Jesus Christus. Das ist die ganz große Geschichte, in die die Geschichte vom Sündenfall, oder wie die Kabarettistin sagte. „Die Äpfelesgeschichte“, hineinverwoben ist.
Für uns mag es heute genügen, was sozusagen das Evangelium in der Geschichte vom Sündenfall ist, nämlich, dass wir alle unser Tagwerk nicht ohne Gottes Segen vollbringen müssen.
Sei es auf einem steinigen Acker im Odenwald oder im Markgräfler Land, in den Weinbergen des Kaiserstuhls oder Kraichgaus, sei es in den Büros und Geschäften unserer Städte, in den Firmen und in den Schulen, auf den Pflegestationen oder bei der häuslichen Arbeit - aber eben immer mit dem Beistand Gottes.
Lassen sie mich die „Äpfelesgeschichte“ so zusammenfassen: sie lädt uns ein Gott zu danken, dass er für uns umfassend sorgt, indem er unser Leben und Arbeiten, Tun und Lassen segnen will. Dazu müssen wir nicht im Paradies sein.
Amen
„Nun danket alle Gott“.