Rituale erfreuen sich seit einigen Jahren wieder großer gesellschaftlicher Beliebtheit. Die Art, die Struktur oder auch die verschiedenen Ausprägungsformen von Ritualen sind seit vielen Jahren ein beliebtes Forschungsgebiet in der Kulturwissenschaft.1
Im öffentlichen Raum kann man beobachten wie Fußballspiele –fast möchte ich sagen,- liturgisch inszeniert werden. Der gemeinsame Marsch der Fans zum Stadion, Fangesänge, Choreografie im Stadion, Vereinsfahnen, Vorstellung der Mannschaft usw. Vieles davon läuft nach Prinzipien ab, die aus dem gottesdienstlichen Bereich bekannt sind: Vorsprecher /Liturg – Antwort der Fans / Gemeinde.
Die Hofübergabe – ein neues gottesdienstliches Ritual
Aber auch in den Kirchen selbst ist eine verstärkte Nachfrage nach elaborierten Riten festzustellen. Tauffeiern werden von manchen Taufeltern intensiv vorbereitet und mitgestaltet, dasselbe ist bei anderen Kasualien wie Hochzeiten und Beerdigungen fest zu stellen.
Wenn man die Beteiligten fragt, was ihnen besonders wichtig sei, sagen viele, dass ihnen die Segenshandlung viel bedeutet. Die durch den Segen vermittelte Zusage Gottes nach Schutz und Wegbegleitung würde ihnen Trost und Geborgenheit geben.
Diese allgemeine Wahrnehmung stand wohl, so vermute ich, im Hintergrund der Überlegungen der Supervisionsgruppe von Familie & Betrieb e.V. Beratungsstelle St. Ulrich, die zum Entwickeln eines neuen Rituals führte.
Bei Fallbesprechungen im Rahmen von Supervisionssitzungen stießen wir ab und an den Punkt, an dem wir feststellten: eigentlich sind alle Fragen abgearbeitet. Nach unserem Ermessen könnte die Übergabe erfolgen, aber die Übergeber können sich nicht zum entscheidenden Schritt, dem "Ja-Sagen" zur Übergabe, durchringen.
Die Überlegungen in der Beratungsrunde kreisten um die Frage, was der übergebenden Generation helfen könnte, dem Hof eine Zukunft zu geben. Ohne eine Übergabe geht der Hof, nach dem Tod des bisherigen Besitzers an eine Erbengemeinschaft über, was nach aller Erfahrung für die zukünftige Weiterentwicklung des Betriebes keine gute Lösung ist. Eine verspätete Übergabe an den Sohn oder die Tochter schränkt deren Handlungsoptionen aus juristischer und unternehmerischer Perspektive sehr ein, weil sie den Betrieb nicht nach ihren individuellen Potentialen gestalten können, sondern dies nur unter Zustimmung des Vaters oder der Mutter tun können. Sozialpsychologisch gesehen ist diese ungeklärte Situation für beide Familien, die der „Alten“ wie die der „Jungen“ eine Zeit voller Spannungen und Konflikte.
Schließlich verdichteten sich unsere Gedanken zu der festen Idee, dass wohl, für kirchlich affine Hofeigentümer, ein gottesdienstliches Ritual eine Entscheidungshilfe darstellen könnte, um ihr Lebenswerk in die Hände ihres Sohnes oder ihrer Tochter zu legen. Im Vertrauen auf Gottes Schutz und Segen, fällt es ihnen dann möglicherweise leichter die Übergabe zu zulassen und ihren Hof los zu lassen.
Die Überlegungen in der Beratungsrunde kreisten um die Frage, was der übergebenden Generation helfen könnte, dem Hof eine Zukunft zu geben. Ohne eine Übergabe geht der Hof, nach dem Tod des bisherigen Besitzers an eine Erbengemeinschaft über, was nach aller Erfahrung für die zukünftige Weiterentwicklung des Betriebes keine gute Lösung ist. Eine verspätete Übergabe an den Sohn oder die Tochter schränkt deren Handlungsoptionen aus juristischer und unternehmerischer Perspektive sehr ein, weil sie den Betrieb nicht nach ihren individuellen Potentialen gestalten können, sondern dies nur unter Zustimmung des Vaters oder der Mutter tun können. Sozialpsychologisch gesehen ist diese ungeklärte Situation für beide Familien, die der „Alten“ wie die der „Jungen“ eine Zeit voller Spannungen und Konflikte.
Schließlich verdichteten sich unsere Gedanken zu der festen Idee, dass wohl, für kirchlich affine Hofeigentümer, ein gottesdienstliches Ritual eine Entscheidungshilfe darstellen könnte, um ihr Lebenswerk in die Hände ihres Sohnes oder ihrer Tochter zu legen. Im Vertrauen auf Gottes Schutz und Segen, fällt es ihnen dann möglicherweise leichter die Übergabe zu zulassen und ihren Hof los zu lassen.
Nach ritualwissenschaftlichen Kriterien wäre dies ein vorhersehbares nicht wiederholbares lebenszyklisches Ritual². Der Vorteil dieses Rituals liegt darin, dass es sowohl nach vorne schaut als in die Familien- und Hofgeschichte blickt und damit einem traditionellen bäuerlichen Lebensgefühl entspricht, das sich Generationen verpflichtet weiß. Inhaltlich sollte deshalb der Dankcharakter hervorgehoben werden. Dank an die Übergeber für deren Lebenswerk und dafür dieses dem/ den Übernehmer/n anzuvertrauen und der Dank der Übergeber an den oder die Übernehmer, dass sie ihr Lebenswerk annehmen und weiterführen wollen.
Ein besonderes Moment spielen bei einem transformatorischen Ritual in der Landwirtschaft die weichenden Erben. Während des Übergabeprozesses, der sich meist als gestreckte Handlung darstellt, wird deren Einfluss spürbar und mitbedacht werden müssen. Dies gilt auch für das Ritual im Gottesdienst. In den Vorgesprächen, die hier geführt werden sollten, wäre deren Anwesenheit sehr hilfreich und klärend. So könnte mit ihnen deren Rolle während der Kasualie definiert und vorbereitet werden.
Zu den weiteren Punkten, die im Rahmen der Vorgespräche zu klären sind gehört der gottesdienstliche Rahmen, in welchem die Übergabe stattfindet (Anregungen hierzu finden sie im Liturgieentwurf, siehe unten) und das Symbol, das für die rituelle Übergabe steht.
Je intensiver die am Ritual Beteiligten in die Vorbereitungen mit einbezogen werden und je transparenter dieser Prozess gestaltet wird, (Lieder, Gebete, Symbol) desto weniger Unsicherheiten werden aufkommen.
Meine Erfahrung ist, dass die Betroffenen selbst, aber auch die gottesdienstliche Gemeinde dieses Ritual als entlastend erlebt haben, weil es zur Klärung längst überfälliger Fragen beigetragen hat und die Potentiale nun wieder in Richtung Zukunft des Hofes eingesetzt werden können.
Hermann Witter
Literaturverzeichnis.
1Meier, Gernot (2017)
²Snoek, Jan,A.M. (2013). Klassifikation und Typologie. Rituale und Ritualdynamik: Schlüsselbergriffe, Theorien, Diskussionen. C. Brosius, A. Michaels and P. Schrode. Göttingen, Vandenhoeck&Ruprecht: S.55-61.





