Gedanken zum Monatsspruch März 2017

Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren und sollst dich fürchten vor deinem Gott; ich bin der HERR. 3. Mose 19,32

Unsere Kinder sind auf dem Land aufgewachsen. Das Dorf hatte kaum mehr als 400 Einwohner. Es war überschaubar. Die Sozialkontrolle funktionierte. Wenn wir unsere Kinder suchten, wusste immer jemand wo sie waren. Das ist nun schon über 20 Jahre her. Wenn unsere Kinder heute von dieser Zeit erzählen, beschreiben sie diesen Abschnitt ihres Lebens als eine gute und schöne Phase, die ihnen viel gegeben hat.
Sie konnten im Stall des Nachbarn erleben, dass die Tiere keine Kuscheltiere waren, sondern morgens und abends versorgt und gepflegt werden mussten. Dass Kühe, Schweine, Ziegen und Hasen nicht aus Hobbygründen gehalten wurden, sondern Milch und Fleisch gebraucht und verkauft werden mussten, damit die Eltern ihrer Freundinnen und Freunde Geld hatten, um denen zum Geburtstag ein neues Fahrrad oder neue Kleidung kaufen zu können.
Trotz der Nähe zur Natur und der Teilhabe an landwirtschaftlichen Lebenszyklen ist das Leben auf dem Land immer noch keine Idylle. Die Hausarztpraxis liegt in 6 km Entfernung, ebenso die Apotheke. Öffentlichen Nahverkehr gibt es morgens und abends. Während der Schulzeit auch gegen Mittag, wenn die Schüler ins Dorf zurückkommen. Kein Metzger, kein Bäcker, Konsumgüter werden in der Stadt gekauft.
Was ich damals wie heute bemerkenswert finde: Die Dorfgemeinschaft kümmert sich um die „Alten“. Während des Winterhalbjahres findet einmal im Monat ein Seniorennachmittag statt. Die Besucher werden mit Kaffee und Kuchen bewirtet und mit einem entsprechenden Programm unterhalten. Dieses Angebot nehmen die Eingeladenen sehr gerne an, weil es eine willkommene Abwechslung in einer eher dunkleren Jahreszeit darstellte.
Unser Monatsspruch steht im sogenannten Heiligkeitsgesetz. Diese Gesetzessammlung enthält vor allem Alltagsregeln, die überwiegend dem Schutz der Schwachen dienen und ein gerechtes Miteinander in der Gesellschaft ermöglichen.
Zu diesen Schutzbefohlen zählt das Heiligkeitsgesetz auch die beiden  Personengruppen, die in unserem Monatsspruch genannt werden: die Grauhaarigen und die Verantwortungsträger, die im biblischen Sprachgebrauch die Alten/Älteste genannt werden.
Das Heiligkeitsgesetz geht davon aus, dass Menschen mit grauen Haaren  allein schon wegen ihrer Lebensleistung den Respekt der jüngeren Generationen verdienen. Als Verhaltensregel wird von den Jüngeren erwartet, diesen Menschen Ehre zu erweisen indem sie z.B. aufstehen, wenn die „Grauen“ den Raum betreten.
Anders verhält es sich mit den „Alten“, die zu achten sind. In der patriarchalen Gesellschaft hatten Männer das Sagen. Da die Sippen damals als Kleinviehzüchter unterwegs waren, kam es sehr auf die Erfahrung der Führungspersönlichkeiten an. Ihr Wissen in Bezug auf Witterung, Herdegesundheit, Weidegründen und Wasserquellen waren für die Großfamilie überlebenswichtig, deshalb kam diesen Männern eine hohe Verantwortung zu.
Im technischen Bereich stehen wir heute vor der Herausforderung, dass die Jungen diejenigen sind, die den Alten lehren, z.B. wie mit einem Smartphone oder einem PC umzugehen oder der Fernsehapparat zu bedienen ist. Ein Stück weit also verkehrte Welt. Das sollte aber für die heutigen „Alten“ kein Grund zur Resignation sein. Technischer Sachverstand und Lebensweisheit hören nicht ab einer gewissen Jahreszahl auf bzw. beginnen dort. Beide sind nicht an das biologische Alter gebunden.
Am Ende des Monatsspruchs steht, worum es eigentlich geht. Der ganze Respekt und die Ehre, die wir den Älteren entgegenbringen sollen, finden ihre Grenzen, wo Gehorsam gegenüber Gott erforderlich ist. Gott bedingungslos zu gehorchen, darum geht es. Ihm haben Junge wie Alte ihre Gaben und Fähigkeiten zu verdanken, und dafür schulden sie ihm Dank, Anerkennung und Respekt. Mit seiner Hilfe und seinem Segen konnten sie ihre Lebensleistungen vollbringen, in der Stadt oder auf dem Land.

Hermann Witter, Pfr.