1990 - 1997

 

Globalisierung und Zusammenwachsen in Europa - die Zeit von 1990 bis 1997

Am 3. Oktober 1990 wird die Wiedervereinigung Deutschlands mit einem Staatsakt in Berlin offiziell vollzogen. Nun heißt es – auch in der Akademie – daran zu arbeiten, damit zusammenwächst, was zusammengehört. Ob die beinah täglichen Enthüllungen, die uns aus der Gauck-Behörde erreichen, dazu beitragen, bleibt umstritten. Die Entwicklung in Jugoslawien und den sich abspaltenden Staaten rufen eine neuerliche, weltweite Krisenstimmung hervor. Der Einsatz deutscher Soldaten für Aufgaben innerhalb der Vereinten Nationen (UNO) wird als Prüfstein herangezogen für den Beitrag Deutschlands zum Frieden in der Welt. Daneben gilt es, Hindernisse wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ursprungs auf dem Weg zu einem vereinten Europa zu beseitigen, wie es 1992 im Vertrag von Maastricht zur Wirtschafts- und Währungsunion beschlossen worden war.
 
Fast ein Jahr lang konnte die Akademie nur ein reduziertes Angebot an Tagungen anbieten, offene Tagungen von Michael Nüchtern prägten in dieser Zwischenzeit die Arbeit der Akademie. Im Bereich Medizin fand im April eine Tagung zum Thema “Schmerzen” statt, die sich für eine neue Bewertung chronischer Schmerzzustände in der Medizin stark machte. Mit dem Thema “Menschenwürde, Früheuthanasie und das Lebensrecht Behinderter” setzte sich dann Anfang September die Akademietagung “Soll das Baby leben” auseinander, die Thesen des australischen Ethikers Peter Singer kritisch beleuchtete.
 
Im Vorwort des zweiten Halbjahresprogramms 1990 weist Michael Nüchtern darauf hin, wie wichtig es sei, den Prozeß des deutsch-deutschen Zusammenwachsens “nicht nur ökonomisch, sondern auch geistig zu bewältigen”. Die von Gerhardt Langguth eingeleitete Partnerschaft mit der Akademie Berlin-Brandenburg führt dann zu einer gemeinsamen Tagung in Bad Saarow. “Zusammenwachsen und Zusammenraufen” lautete der Titel der Tagung im Oktober, wo Dr. Michael Nüchtern und Dr. Walter Bindemann von der Evangelischen Akademie Berlin-Brandenburg zum Nachdenken über Deutschland einladen. Weitere Seminare und Tagungen zu deutschlandpolitischen Themen folgen, u.a. die Friedenstagung von Dr. Ullrich Lochmann mit dem Titel “Militärseelsorgevertrag – auch für die Nationale Volksarmee?” und die Tagung mit dem Verein Deutscher Ingenieure (VDI) über “Umweltgefährdungen in Ost und West”.
 
Nach den Monaten der Diskussion über die zukünftige Organisationsform und Gestalt der Evangelischen Akademie Baden wurde 1990 ein neues Kapitel für die Akademie in Bad Herrenalb eingeläutet: Statt Führung durch Hierarchien war nunmehr die Akademieleitung im Team angesagt.
 
Im Laufe des Jahres kamen die Pfarrer Klaus Nagorni, Hans Martin Leichle und schließlich Reinhard Ehmann neu an die Akademie. Die neuen Direktoren der Akademie hatten alle zusätzlich sogenannte landeskirchliche Beauftragungen zu erfüllen, wodurch die Akademie strukturell und inhaltlich stärker innerkirchlich eingebunden wurde. Im September 1990 wurden Nagorni, Leichle und Ehmann in der Kapelle des damals noch nicht renovierten “Hauses der Kirche” feierlich in ihr Amt eingeführt.
 
Am 5. März 1991 wurde die neue Struktur der Evangelischen Akademie Baden in der “Ordnung der Akademie” festgeschrieben. Die Leitung der Akademie obliegt seitdem dem “Kollegium der Akademiedirektoren”, von dem ein Mitglied jeweils für zwei Jahre als “geschäftsführender Akademiedirektor” tätig ist. Ziel der Evangelischen Akademie Baden ist es nun laut Präambel,
 
“die Beziehungen christlichen Glaubens zu Fragen der modernen Kultur und Gesellschaft, der Berufs- und Alltagswelt zu klären und darzustellen. In einer Akademie versucht die Kirche, in die sozialen und geistigen Prozesse der Zeit die Frage nach Gott und christlicher Lebensorientierung einzubringen.”
 
Mit der Neuordnung wurden folgende Themenschwerpunkte der Akademie festgelegt:
  1. Recht, Politik (Reinhard Ehmann);
  2. Umwelt, Christlich-jüdischer Dialog (Klaus Nagorni);
  3. Medizin, Kultur, Weltanschauung (Dr. Michael Nüchtern);
  4. Arbeitswelt, Wirtschaft, Friedensethik (Dr. Ullrich Lochmann);
  5. Ländlicher Raum, Spiritualität (Hans Martin Leichle).
Diese Arbeit wird durch die “landeskirchlichen Beauftragungen” gedoppelt, welche die Akademiedirektoren abdecken müssen:
  1. Polizeiseelsorge;
  2. Landeskirchlicher Umweltbeauftragter;
  3. Weltanschauungsbeauftragter der Landeskirche;
  4. Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt (kda);
  5. Kirchlicher Dienst auf dem Lande (KDL).
Die Koordination und Gewichtung von Akademiearbeit und Beauftragungen spielte von da an in vielen Überlegungen zur Fortentwicklung der Akademie eine wichtige Rolle. Die Veränderung der Rahmenbedingungen der Akademie ließen Michael Nüchtern, der der erste geschäftsführende Akademiedirektor nach dem neuen Modell wurde, in der Zeitschrift “mitteilungen” der badischen Landeskirche, die sich schwerpunktmäßig mit der Akademie beschäftigte, schreiben:
 
“Mit den Zeiten müssen sich auch die Aufgaben der evangelischen Akademien ändern. Nur so bleiben sie ihrem Gründungsimpuls treu, sich durch die konkrete historische Situation herausfordern zu lassen. Die Konstanz der Akademie ist ihre Wandlungsfähigkeit.”
 
In den gleichen “mitteilungen” beschreibt Oberkirchenrat Klaus Baschang die Akademie als “Lernort der Kirche selbst” und als “Denkzentrale der Landeskirche”. Die Akademie leiste mit ihrer Arbeit “ein Stück Kirchenleitung”. In der Akademie “stehe der Kirche ein geistiges Potential zur Verfügung, das sie davor bewahren kann, von der Zukunft überrollt zu werden”.
 
Der Freundeskreis der Evangelischen Akademie Baden mit seinem Vorsitzenden Jobst von Cornberg machte sich in all den Jahren für den Erhalt der Tagungsstätte in Bad Herrenalb stark, da die “Arbeit der Evangelischen Akademie Baden an den Fortbestand und die grundlegende Sanierung des Hauses gebunden ist”, Formulierungen die durchaus an die Anfangszeit der Akademiearbeit erinnern.
 
Äußerst wichtig ist in der Geschichte der Evangelischen Akademie Baden daher der nach langen innerkirchlichen Diskussionen erfolgte Grundsatzbeschluß der Landessynode, das “Haus der Kirche” in Bad Herrenalb zu erhalten und auszubauen. Hausleiter für die Tagungsstätte in Bad Herrenalb wurde 1991 Klaus Holldack.
 
Mit der Festlegung der Ordnung der Akademie konnte der seit 1989 mit der Einführung der PCs begonnene Prozeß zu einer Corporate Identity der Akademie schlüssig fortgesetzt werden. Nachdem die Akademie Baden anders als fast alle anderen Evangelischen Akademien in Deutschland über 20 Jahre ohne Logo aufgetreten war, entwarf der Grafikdesigner Reiner Haebler ein Logo, das sich am Sinnbild Haus orientiert (Abb. 30). Es wurde in der Zwischenzeit zu einem Markenzeichen und Symbol für die notwendige Eigenständigkeit einer Akademie in ihrer Rolle zwischen Kirche und Gesellschaft. Schriften und Briefbögen konnten nun für das äußere Erscheinungsbild der Akademie neu überarbeitet werden, gleichzeitig wurden die Marketing-Anstrengungen der Akademie intensiviert, jedes Einzelprogramm erhielt von nun an ein Bild zum Thema der Tagung. Verstärkt trat ins Bewußtsein, daß Akademiearbeit immer neu bedeutet, mit den jeweiligen Tagungsangeboten auch die Zielgruppe, d.h. ihre Kunden zu erreichen.
 
Ende 1991 griff der Freundeskreis der Akademie die Idee auf, jährlich einen Akademiepreis zu vergeben. Ziel des Preises ist es, Autoren von Tagungsbeiträgen zu würdigen, die “in besonderer Weise den Zielen kirchlicher Akademien entsprechen, indem sie das Gespräch zwischen Kirche und Gesellschaft, insbesondere zwischen Theologie und anderen Wissenschaften, fördern und zur Orientierung helfen”.
 
Die neuen Themenschwerpunkte der Akademie wurden in den kommenden Akademieprogrammen deutlich aufgegriffen. Tagungen zum Thema “Spiritualität heute” wurden von Hans Martin Leichle veranstaltet, Klaus Nagorni tagte mit Umweltjournalisten und Umweltverbänden, Reinhard Ehmann setzte sich zusammen mit Christoph Beck vom Diakonischen Werk Baden mit dem neuen “Betreuungsgesetz” auseinander.
 
In altbewährter Weise wurde der Bereich Kultur und Medizin von Michael Nüchtern fortgesetzt (u.a. Kolloquium mit der Katholischen Akademie Freiburg und der Akademie für Ethik in der Medizin zum Thema “Der Arzt und das Sterben”) und Ullrich Lochmann setzte sich gemeinsam mit den Industriepfarrern Martin Huhn und Christoph Binder, die ja bis 1990 Studienleiter der Akademie gewesen waren, kritisch mit der EKD-Denkschrift “Gemeinwohl und Eigennutz” zum wirtschaftlichen Handeln auseinander.
 
Preisträger des 1992 erstmalig verliehenen Bad Herrenalber Akademiepreises wurde der Philosoph und Journalist Dr. Jürgen Werner, Frankfurt (Abb. 32). Dr. Werner hatte sich an der Tagung von Akademiedirektor Klaus Nagorni “Die sieben Todsünden der Menschheit. Ansätze zu einer ökologischen Ethik” mit dem Beitrag “Der unreife Apfel. Variationen zu den sieben Todsünden” beteiligt.
Sein Festvortrag “Nichts weiter, nichts mehr. Ein Kapitel über das Selbstverständliche des Denkens” wurde in der Akademiezeitschrift “Diskussionen” veröffentlicht, in der seitdem regelmäßig die Festvorträge der Akademiepreisträger veröffentlicht werden.
 
Im Januar 1993 luden die Evangelischen Akademien in Deutschland e.V. (EAD) in einem gemeinsamen Sonderprogramm mit dem Titel “... auf Zukunft hin ...”, zu deutschlandpolitischen Tagungen der Akademien ein. Seit dem Fall der Mauer hätten, so heißt es in dem Programm, mit dem auch sieben Thesen zum deutschen Dialog vorgestellt werden, “etwa 18.000 Personen an 350 Tagungen der Evangelischen Akademien zu Fragen der deutsch-deutschen Vereinigung teilgenommen”.
 
Als neue Publikationsreihe brachte die Akademie 1993 die ersten sechs Bände der Buchreihe “Herrenalber Forum” auf den Markt, in der wichtige Tagungen der Akademie publiziert werden. Der erste Band setzte sich mit dem Thema Waldsterben und der immer vehementer geführten Diskussion über Natur- und Umweltschutz auseinander und stellte Ansätze für eine zukunftsfähige Forstpolitik vor. Wie die meisten Publikationen der Akademie enthält dieser Band auch die Predigt, die während der Akademietagung (in diesem Fall von Klaus Nagorni) gehalten wurde.
 
Preisträger des Bad Herrenalber Akademiepreises 1993 wurde Professor Dr. Urs Baumann, Tübingen. Der katholische Theologe erhielt den Preis für seinen Beitrag “Schuldübernahme als Aufgabe von Humanität”, den er auf der Tagung zum christlich-jüdischen Dialog “Brauchen wir einen Sündenbock?” gehalten hatte (veröffentlicht in “Herrenalber Forum” Bd. 5). Damit wurde indirekt auch die von Akademiedirektor Gerhardt Langguth 1978 begonnene und von Klaus Nagorni 1991 übernommene Tagungsreihe der Akademie zum christlich-jüdischen Dialog gewürdigt.
 
Die Erfahrungen von Frauen mit der Kirche von heute wurden 1994 auf der Tagung “Aufsässige Töchter Gottes” zum Thema gemacht, die Dr. Dagmar Freist von der “Arbeitsstelle Frauendekade” an der Akademie veranstaltete. Damit fanden die frauenspezifischen Tagungen eine Fortsetzung, die Dr. Marianne Börnemeier 1993 mit der Tagung “Frauenfreundschaften in Literatur, Malerei und Film” und Dagmar Freist mit der Tagung “Wenn ich ein Vöglein wär ... Liebe, Familie und Karriere – eine Zerreißprobe” wieder an die Akademie gebracht hatten. Bereits in den 70er Jahren waren Frauenthemen auf mehreren Tagungen von Dr. Böhme aufgegriffen worden.
 
Zur neuen Vorsitzenden des Freundeskreises der Evangelischen Akademie Baden e.V. wurde am letzten Juniwochenende 1994 Dr. Helga Gilbert (Karlsruhe) gewählt und damit Nachfolgerin von Jobst Freiherr von Cornberg, Baden-Baden .
 
Am gleichen Wochenende wurde der Bad Herrenalber Akademiepreis 1994 an den Systematischen Theologen Professor Dr. Dr. Hermann Timm, München, für seinen Beitrag “Am Ende der gefräßigen Zeit” vergeben (vgl. Herrenalber Forum Bd. 4). Sein “Lob der Akademie”, mit dem er sich für die Preisverleihung bedankte, ist aus gutem Grund in dieser Jubiläumsschrift noch einmal abgedruckt.
 
Als Startschuß für den lang ersehnten Umbau der Tagungsstätte in Bad Herrenalb konnte die Evangelische Akademie am 14. Januar 1995 das Fest “Abschied und Anfang” veranstalten, bei dem Gelegenheit war, Abschied vom alten Haus “Charlottenruhe” zu nehmen, die Umbaupläne zu besehen und auch ein Souvenir aus dem alten Inventar des Hauses zu ersteigern. Im Februar 1995 begannen dann die Umbau- und Renovierungsarbeiten in Bad Herrenalb. Zwei Jahre lang schlug die Akademie von nun an ihr Domizil in Schloß Flehingen (Oberderdingen) auf.
 
Bad Herrenalb war aber auch in dieser Übergangszeit immer präsent. So erschien 1995 die erste Audio-CD der Evangelischen Akademie, die ein Ergebnis der Tagung “Der Verlust der Stille” war, die Klaus Nagorni 1994 in Zusammenarbeit mit “The Soundscape Newsletter (Europe)” in Bad Herrenalb veranstaltet hatte. Die CD, die zu einem gleichnamigen Tagungsband in der Reihe “Herrenalber Forum” erschienen ist, enthält “Klangwege und Hörbilder”, mit denen europäische und amerikanische Autorinnen und Autoren das Thema “Stille” kommentieren.
 
Der Bad Herrenalber Akademiepreis wurde natürlich weiterhin in Bad Herrenalb vergeben, die Stadt stellte den Kursaal dafür zur Verfügung. Preisträger 1995 wurde der Soziologe Professor Dr. Michael N. Ebertz, Freiburg, für seinen Beitrag “Gründe und Hintergründe nichtkirchlicher Religiosität”, den er auf einer ökumenischen Akademietagung mit der Katholischen Akademie der Erzdiözese Freiburg gehalten hatte. Der Beitrag ist in dem bereits in zweiter Auflage erschienenen Band “Glauben ohne Kirche” der Reihe Herrenalber Forum veröffentlicht.
 
In die Flehinger Zeit fällt auch die erste personelle Veränderung nach einer Zeit relativer Ruhe: Im Sommer 1995 wurde Dr. Michael Nüchtern neuer Leiter der Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin und verabschiedete sich von der Akademie. Sein Nachfolger wurde Dr. Jan Badewien.
 
Der Umbau der Tagungsstätte in Bad Herrenalb war inzwischen voll im Gange. Einige dringende Anliegen der Akademie waren allerdings nicht im Bauprogramm enthalten. Unter dem Stichwort “Bitte wählen Sie ...” rief die Akademie 1995/6 gemeinsam mit dem Freundeskreis zu einer Spendenaktion für drei Projekte auf:
 
Projekt 1 der Spendenaktion galt der Umgestaltung der Kapelle in Bad Herrenalb (Glasfenster und Glocke),
Projekt 2 war die Ausgestaltung des Foyers mit einem Kunstobjekt und
Projekt 3 die Erweiterung der elektroakustischen Anlage im Vortragssaal von Bad Herrenalb für Musikübertragungen.
 
Der Arbeitskreis “Kirche und Sport in Baden”, der schon zu Zeiten von Akademiedirektor Gerhardt Langguth an der Akademie verortet war, feierte im Januar das Symposium “Kirche und Sport in der Multioptionsgesellschaft” zu seinem 30jährigen Bestehen. Studienleiter Professor Dr. Bernd Seibel verabschiedete sich von seiner Tätigkeit für die Akademie und von der Leitung dieses ökumenischen Arbeitskreises und übertrug sie Pfarrer Dr. Torsten Sternberg.
 
Die erste Tagung von Dr. Jan Badewien setzte sich mit dem Thema “Der Traum vom neuen Menschen” auseinander. Auf der Tagung sprach u.a. auch der Saarbrücker Literaturwissenschaftler Dr. Günter Scholdt, der später mit dem Akademiepreis 1996 ausgezeichnet wurde. Gewürdigt wurde damit sein Vortrag “Deutsche Literatur und 'Drittes Reich'. Eine Problemskizze”, den er auf einer Tagung zum Werk des Schriftstellers Werner Bergengruen gehalten hatte.
 
Der Umbau der Tagungsstätte schritt zügig voran, so daß die Besucher der Festlichen Preisverleihung sich einen guten Eindruck von der zukünftigen Gestalt der Tagungsstätte gewinnen konnten. Schon Ende Juli zeichnete sich ein großer Erfolg der Spendenaktion ab, an dem der unermüdliche Einsatz von Dr. Helga Gilbert entscheidenden Anteil hatte. Die Glocke für die Kapelle in Bad Herrenalb konnte bei der Karlsruher Glockengießerei Metz in Auftrag gegeben werden.
 
Am 25. Oktober fand der Glockenguß der 54 cm großen, 110 kg schweren und auf fis'' gestimmten Glocke statt. Viele Interessierte verfolgten das Ereignis. Der Klang der Glocke ist abgestimmt auf das Geläut der benachbarten katholischen St. Bernhard-Kirche (Bad Herrenalb). Sie wird wie in guter alter Zeit per Hand geläutet werden. Auf der Glocke aus bester Kupfer-Zinn-Bronze ist der Bibelspruch “Kommt, denn es ist alles bereit” aus Lukas 14,17 zu lesen, als Glockenzier sind Brot und Kelch zu erkennen.
 
Im Advent des Jahres konnte schließlich die Glocke für die neue Kapelle mit einem historischen Dampfzug nach Bad Herrenalb transportiert werden. Eine Pferdekutsche zog sie über den Bad Herrenalber Weihnachtsmarkt und von zahlreichen Schaulustigen begleitet hinauf zur Dobler Straße.
 
Rechtzeitig zum 50-jährigen Jubiläum der Akademie wurde am 18. Januar 1997 die Tagungsstätte in Bad Herrenalb mit über 500 Gästen feierlich wiedereröffnet. Der Platz in der renovierten Tagungsstätte “reichte nicht”, unerwartet viele Besucherinnen und Besucher waren “aus allen Regionen unserer Landeskirche und darüber hinaus ‘zuhauf’ herbeigeströmt”, sagte Landesbischof Dr. Klaus Engelhardt in der Predigt zur Wiedereröffnung (vgl. Akademiezeitschrift Diskussionen Nr. 34).
 
Die Tagungsstätte wurde deutlicher denn je zuvor mit dem Namen der Akademie verknüpft. Allen Verantwortlichen war deutlich geworden, daß das Profil einer Tagungsstätte auch geprägt wird von dem, was in ihr geboten wird und was ihr Image in der Öffentlichkeit ausmacht.
 
Die erste offene Akademietagung in Bad Herrenalb nach der Renovierung hieß “Auf dem Weg mit dem russischen Pilger” und wurde von Hans Martin Leichle vom 24.-26. Januar 1997 veranstaltet. Abt Emmanuel Jungclaussen vom Kloster Niederaltaich/Bayern führte die vielen Tagungsgäste in den spirituellen Erfahrungsweg der Ostkirche ein. Die von dem Stuttgarter Künstler Johannes B. Hewel ausgestaltete Kapelle, die sich erst den Menschen erschließt, die sich auf das neue Gotteshaus einlassen, gab den eindrucksvollen Rahmen für diese Tagung ab.
 
Im März 1997 griffen die Tagungen “Leben in Frankreich – Schaffen in Deutschland” und “Masuren – Brücke zwischen Deutschen und Polen” erneut die Tradition der Europa-Tagungen der Akademie Baden auf. So waren z. B. 1978 die bevorstehenden Wahlen zum ersten Europaparlament Anlaß für die Akademietagung “Wie werden wir Europäer?”; 1989 folgte im Hinblick auf den sich abzeichnenden Binnenmarkt die Tagung “Gemeinsames Haus oder Festung Europa?”, Referenten und Referentinnen aus Ost- und Westeuropa diskutierten über die kulturellen Identitäten Europas 1991 in Bad Herrenalb und unter dem Titel “Europalust – Europafrust” stand 1993 eine Tagung über das Thema Christenheit und Europa auf dem Programm.
 
Insbesondere die Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland wurden in den 90er Jahren, wie schon in den 50er Jahren, Gegenstand von Akademietagungen. Aktuellere Beispiele für diese Tagungen, die gemeinsam mit Kollegen aus dem Elsaß und der Pfalz veranstaltet wurden, sind Tagungen wie “industrielle Entwicklung und Ökologie – Partner oder Gegner? Development Industriel et Environnement – Partenaires ou Ennemis?” (1990 von Dr. U. Lochmann und René Suss veranstaltet), “Oberrhein – Metropole der Zukunft?” (1991) und “Schwierige Liebe – Die Sache mit den Deutschen und Franzosen” (1992). Der zweisprachige Einladungstext der jüngsten deutsch-französischen Tagung “Leben in Frankreich – Schaffen in Deutschland/ Vivre en France – Travailler en Allemagne”, sei hier zum Anlaß genommen, sich noch einmal an die Anfänge der 1947 in der französische Zone gegründeten badischen Akademie – unter zum besten hin veränderten Vorzeichen – zu erinnern. Der Einladungstext der Tagung von 1997, der weitere Tagungen dieser Art folgen sollen, ist schon deshalb in ganzer Länge abgedruckt:
 
“De plus en plus d’Allemands achètent des maisons et des propriétés en Alsace. De plus en plus d’Alsaciens travaillent dans les régions limitrophes allemandes. Vivre en france – travailler en Allemagne? Le mouvement est amorcé mais vers quoi allons-nous? Que disent les chiffres? Qu’en est-il de l’ambiance dans les entreprises allemandes et dans les villages alsaciens?
Cette première recontre a pour objectif de faire um constat et de déceler les zones conflictuelles. Première recontre d’une série de trois organisée conjointement par la Evangelische Akademie du Palatinat, Evangelische Akademie du Pays de Bade et le Liebfrauenberg.
Cordiale invitation.”
 
“Immer mehr Deutsche kaufen sich Häuser und Grundstücke im Elsaß. Immer mehr Elsässer arbeiten im grenznahen Deutschland. Leben in Frankreich – Schaffen in Deutschland? Wohin geht die Entwicklung. Was sagen die Zahlen? Welche Stimmung ist in den deutschen Betrieben und in den elsässischen Dörfern?
Unsere Tagung wird der Bestandsaufnahme dienen und Konfliktlagen benennen. Sie wird die erste Tagung einer Reihe sein, die gemeinsam von der Evangelischen Akademie der Pfalz, dem Liebfrauenberg/Elsaß und der Evangelischen Akademie Baden veranstaltet wird.
Wir laden herzlich ein.”
 
Gemeinsam mit dem Süddeutschen Rundfunk (SDR) wurde dann auch am 25. Juni 1997 zu einem Akademiefrühstück eingeladen, das den Hintergrund für eine einstündige Live-Sendung zum 50-jährigen Bestehen der Akademie bildete. Im Anschluß daran wurde die Jubiläumsschrift feierlich Landesbischof Dr. Klaus Engelhardt überreicht.
 
Im Juli erhielt die Soziologin Dr. Ingrid Schneider (Hamburg) den Bad Herrenalber Akademiepreis 1997 für ihren engagierten Beitrag zum Thema Organspende, den sie auf einer Tagung von Akademiedirektor Dr. Jan Badewien “Der Mensch – Rohstoff oder Ersatzteillager?” 1996 auf Schloß Flehingen gehalten hatte.
 
Einer der zahlreichen Höhepunkte des Jahres 1997 war schließlich die große Jubiläums-Tagung “50 Jahre Evangelische Akademie Baden. Die Kirche der Zukunft und der Beitrag der Evangelischen Akademien”, die passend zum Anlaß am Reformationstag stattfand. Akademiedirektor Hans Martin Leichle schrieb im Hinblick auf diese Tagung im Halbjahresprogramm September 1997 bis Januar 1998:
“Religion, auch die christliche, erlebt weltweit eine Renaissance. Sie bedarf aber der Kultivierung, Tradierung und Begegnung mit Wissenschaft und Gesellschaft. Akademien sind Orte des Gesprächs an diesen Nahtstellen, die den Horizont der Kirche auch in Zukunft in diese Richtung weiten können.”
 
Und noch immer ist gültig, was Willi Gegenheimer vor 30 Jahren in der Festschrift für Hans Schomerus zum 65. Geburtstag schrieb:
 
“Bildung beginnt erst dort, wo einer aus der Enge seines fachlichen Gesichtskreises hinausstrebt zu einer Ahnung des Ganzen. Wer hinter den Glaswänden seiner Fachdisziplin das ‘Umgreifende’ zu schauen vermag, hat die Probe der Zeit bestanden.”