Hin und hergerissen zwischen Angst und Perestroika - die Zeit von 1978 bis 1989

Laut einer Analyse der englischen Zeitung “Times” wird die Stimmung in Deutschland Ende der 70er Jahre von einer unbestimmten Angst geprägt. Hintergrund der Stimmung sind Themen wie Kernenergie, Terrorismus und innere Sicherheit, Gentechnik, Ausländerfeindlichkeit, Neo-Faschismus, AIDS und das Ozonloch. Es ist die Zeit, in der Häuser besetzt und von der Polizei geräumt werden und die “Friedensbewegung” gegen Nato-Doppelbeschluß (1979) und für Frieden demonstriert; die Zeit des Waldsterbens und des Reaktorunglücks von Tschernobyl (1986), das für Monate die täglichen Gewohnheiten verändert; die Zeit, in der ein neues Asylrecht entworfen wird und in der “die innere Bedrohung aller Staaten durch AIDS größer erscheint als die äußere Bedrohung”. Es ist aber auch die Zeit, in der die Großmächte beginnen, aufeinander zuzugehen, Abrüstungsverhandlungen geführt werden und die Treffen von Reagan und Gorbatschow via Satellit in die ganze Welt übertragen werden. “Glasnost” und “Perestroika” gehören zum allgemeinen Wortschatz. Die Auflösung der ideologischen Blöcke beginnt gegen Ende der 80er Jahre und wird mit Beginn des neuen Jahrzehnts die Verhältnisse in Deutschland grundlegend ändern.
 
1978 schied Pfarrer Willi Gegenheimer im Alter von 66 Jahren aus Altersgründen aus der Akademiearbeit aus. Sein Nachfolger wurde am 1. Juni 1978 Gerhardt Langguth, der schon seit der Neuordnung der Akademie 1967 Studienleiter an der Akademie gewesen war. Er hatte “die Akademiearbeit, die landeskirchliche Industrie- und Sozialarbeit, die weitverzweigte Laienbewegung der Evangelischen Arbeitnehmerschaft Baden (EAN) und den Dienst des Sportpfarrers der Landeskirche miteinander zu verknüpfen”, schrieb Langguth fast 10 Jahre später in der Zeitung “Kirche für die Arbeitswelt”.
 
Langguth rückte von Anfang an folgende Tagungsreihen in den Mittelpunkt: “Friedenstagungen”, “Juden und Christen heute”, Begegnungstagungen “Kirche und Sport”, “Mensch und Mitwelt”, “Ausländer – unsere Mitbürger”.
 
Böhme lud 1978 zu der Tagung “Wer war Mozart wirklich?” nach Bad Herrenalb ein. Als Referent trat u.a. Wolfgang Hildesheimer auf, der aus seiner viel beachteten Biographie über den genialen Komponisten las. Weitere Referenten der mit 180 Teilnehmern sehr gut besuchten Tagung waren: Alfons Rosenberg, Gerhard Schmolze, Dr. Karl Hammer und Professor Dr. Ulrich Mann. Später bedauerte Hildesheimer in einem Brief an Böhme, daß er am Schlußgespräch der Tagung nicht mehr habe teilnehmen können, weil er gern noch die Herren gerügt hätte, die mit seinem Urteil über ein bestimmtes Werk Mozarts nicht einverstanden waren.
 
1979 erschien das wichtige Memorandum “Der Auftrag Evangelischer Akademien”, das vom Leiterkreis der Evangelischen Akademien in Deutschland herausgegeben wurde. Bedauert wurde darin, daß die Landeskirchen die vor 16 Jahren in der Denkschrift veröffentlichten Vorschläge mit dem Ziel, “die von den Akademien erkundeten Lebensräume in eine dauernde Verbindung mit der Kirche zu bringen”, nicht verwirklicht hätten. Das Memorandum bemüht sich daher erneut, der Frage nach der Situation der Akademien in den Landeskirchen nachzugehen. Böhme schreibt zu dem Memorandum, an dem er selbst federführend mitgewirkt hatte:
 
“Die Verfasser gehen [...] von der Tatsache aus, daß die Kirche nicht allein für die aktiven Gemeindemitglieder, sondern für alle Menschen, insbesondere auch für diejenigen, die zwar ihre Kirchensteuer zahlen, aber wenig Gebrauch von ihren Angeboten machen, da ist. Aus Statistiken der Evangelischen Kirche in Deutschland geht hervor, daß beispielsweise 1976 nur 15% der Kirchensteuerzahler mit dem ortsgemeindlichen 'Kommunikationsnetz' (Gottesdienste, Gemeindekreise, etc.), für das 84% der Theologen arbeiten, Verbindung hatten. Berücksichtigt man, daß die übrigen Theologen weitgehend für die Militärseelsorge, den Religionsunterricht und die deutschen Auslandsgemeinden tätig sind, so bleiben für 85% der evangelischen Kirchensteuerzahler nur 2,8% der Theologen, die sich ihnen in Akademien, Werken und Verbänden speziell zuwenden. Die übergemeindlichen Dienste, die den der Kirche Entfremdeten in besonderer Weise nachgehen – Jugend-, Studenten-, Männer-, Frauen- und Altenarbeit, Ehe-, Familien- und Lebensberatung, Telefonseelsorge, Erwachsenenbildung und Akademiearbeit –, sind somit für ihre Aufgabe ungenügend ausgestattet.
 
Mehr Mitarbeiter werden an der Akademie dennoch nicht eingestellt. Immerhin gibt es ab 1. Mai 1979 im Arbeitsbereich I einen Nachfolger für Dr. Hübner, Dr. Michael Nüchtern wird neuer Studienleiter an der Akademie. Die Stimmung der Zeit versuchte Dr. Böhme mit der Tagung “Nimmt die Angst zu?” im Jahr 1979 aufzuzeichnen.
 
Als Veröffentlichung entstand 1980 im Arbeitsbereich II der Akademie die Zeitung “Kirche für die Arbeitswelt”, die insbesondere Themen aus den Bereichen Industrie, Wirtschaft und Arbeitswelt aufnehmen und damit ein anderes Publikum als die bisherigen Publikationen der Akademie erreichen sollte. Die Artikel sollten, so Gerhardt Langguth, zum Weiterdenken und Handeln anregen, damit die von den Tagungen ausgehenden Impulse nicht in Vergessenheit geraten.
 
Im Vorwort zum Programm 1980/81 nennt Langguth drei wesentliche Punkte, auf die es in der Arbeit einer evangelischen Akademie ankommt “beim Planen, bei der Suche nach Referenten, bei den vielen Fragen, die gestellt und den vielen Gesprächen, die bei Tagungen geführt werden”:
 
“Es kommt darauf an; die Welt zu erfassen; unsere nachmoderne, komplexe, oft rätselhafte und aufs höchste bedrohte Welt zu erfassen. Ferner: Bei jeder Tagung sollen die Teilnehmer wenigstens ahnen, besser schon hoffen, am besten dazu ermutigt werden, daß wir aus Selbstbehauptung, Sachzwängen und Begrenztheit befreit werden können. Schließlich soll das Evangelium Jesu Christi – bezogen auf die zum Nachdenken und Gespräch anstehende Sachproblematik – so verkündigt werden, daß etwas vom Sinn menschlichen Lebens aufleuchtet.”
 
Drei Tagungen aus diesem Programm sollen hier stellvertretend genannt sein: “Was halten wir für Recht? Tagung für Juristen und interessierte Nichtjuristen über das Menschenbild im Rechtsdenken unserer Zeit” (Dr. Böhme, 3.-5. Oktober) und “Unbezahlbare Gesundheit? Tagung über Kosten, Nutzen und Perspektiven der Medizin (Dr. Nüchtern, 17.-19. Oktober). Studienleiter Werner Beck vertiefte vom 19.-21. September 1980 die Frage “Energiepolitik mit oder ohne Kernenergie?”. Auf der Tagung referierte u.a. der Mitbegründer des Freiburger Ökoinstituts, Professor Dr. Günter Altner, zum Thema “Atomstaat oder Kalorienstaat?”.
 
 “Dies ist [...] eher ein Antiprogramm gegen die gängigen Klischees – auch die christlichen; gegen das einseitige Denken von Experten; gegen die Vorstellung, die christliche Botschaft habe nichts mit unserem Alltag zu tun.”
 
Was so 1981 beworben wird, ist die Buchreihe “Herrenalber Texte”, die zur Standortbestimmung der Religion in der Welt von heute dienen sollte. Was aber für die Publikationen gilt, kann für die Akademietagungen, aus denen diese Buchreihe entstand, kaum anders gelten. Einige Titel der “Herrenalber Texte” (HT), die teilweise auch die Titel der entsprechenden Tagungen waren, seien an dieser Stelle noch einmal in Erinnerung gebracht: “Jean Paul Satre – ein Atheist?” (HT 30); “Auferstehung – Wirklichkeit oder Illusion?” (HT 34); “Ehen ohne Ring?” (HT 36).
 
Zu einer Zeit eskalierender Gewalt an der Frankfurter “Startbahn West” und bei Hausbesetzungen veranstaltete Böhme die Tagung “Recht oder Gewalt?”, die sich mit der Bedrohung des Rechtsfriedens in der Bundesrepublik auseinandersetzte:
 
“Anwachsen der Kriminalität, Terror von rechts und links, gewaltsame Demonstrationen, Haus- und Flugplatzbesetzungen lassen im Bürger das Gefühl entstehen, daß der Staat die Möglichkeit verloren hat, ihn und sein Eigentum zu schützen und der Gewalt wirksam entgegenzutreten. Wie konnte es so weit kommen?”
 
Zu dieser Frage aus dem Einladungstext der Tagung gab es keine Übereinstimmung. Die in vielen gesellschaftlichen Bereichen – und auch innerhalb der Kirche – kontrovers geführten Diskussionen bildeten sich in den Redebeiträgen ab, wie auch dem folgenden Ausschnitt aus einem Bericht über die Tagung in der “Stuttgarter Zeitung” vom 15. Februar 1982 zu entnehmen ist:
 
“Die Hintergründe der Jugendunruhen sprach der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Günter Schröder (Düsseldorf), an und warb um Verständnis für die schwierige Lage der Polizisten. Es sei nur eine Frage der Zeit, wie lange die Polizei noch für die Fehler der Politiker den Rücken hinhalte. ’Die Polizei kann nicht als Ersatz für den fehlenden Dialog dienen.‘ Man müsse sich klar darüber sein, daß der Einsatz von Gewalt notwendigerweise zur Gegengewalt führe. Dagegen wandte sich der Freiburger Kriminologe Professor Wolf Middendorf. Der Polizei sei es nicht erlaubt, sagte der Strafrechtler, solche Überlegungen anzustellen. ‚Die Polizei hat das Recht durchzusetzen und nicht mehr und nicht weniger!’”
 
In der Tagungsreihe zum christlich-jüdischen Dialog wurde im Oktober 1983 die Tagung “Israel und die Zukunft der Palästinenser” veranstaltet. Wie immer wurde bei der Tagung ein ökumenischer christlich-jüdischer Gebetsgottesdienst gefeiert (vgl. Abb. 21) Über den Anlaß zu dieser Tagung schreibt Langguth:
 
“Nun hat der Libanonkrieg unter der deutschen Bevölkerung erschreckende Emotionen geweckt. Es erscheint dringend nötig, daß wir uns durch authentische Sprecher Informationen geben lassen und eine sachgemäße Stellungnahme erarbeiten. Es gibt eine qualifizierte Minderheit in Israel, die sich für einen gerechten ‚Frieden jetzt‘ mit den palästinensischen Arabern einsetzt!”
 
In Anknüpfung an diese Tagung wurde im darauffolgenden Frühjahr unter der Leitung von Gerhardt Langguth und Gerhard Heinzmann vom Religionspädagogischen Institut eine 16tägige Studienreise nach Israel mit über 30 Teilnehmern veranstaltet.
 
Auseinandersetzungen über die Ziele und Aufgaben ihrer Arbeit begleiten die Akademien seit Beginn. Nicht nur in Bad Boll, sondern auch in Bad Herrenalb wurde, wie auch diese Geschichte der Akademie zeigt, immer wieder über die Ziele der Akademie diskutiert. “Forum oder Faktor”, hieß das Stichwort der Debatte, das der damals für die Akademie zuständige Oberkirchenrat Wolfgang Schneider 1984 anläßlich des 65. Geburtstags von Dr. Wolfgang Böhme aufnahm und hier den Aspekt der Akademie als Forum unterstreicht:
“Die Sensibilität einer Akademie muß sich auch darin ausweisen, daß sie Entwicklungen erkennt und ihre Beiträge sorgfältig auf das allgemeine gesellschaftliche Klima abstimmt. Phasen, wo eine breite gemeinsame Grundüberzeugung besteht, brauchen die kritische Stimme stärker. Situationen, wo gegensätzliche Auffassungen nur schwer ins Gespräch miteinander kommen und Brücken abgebrochen werden, bedürfen eines Forums, wo man wieder aufeinander zugehen kann. Wenn ein Ministerium seinen Mitarbeitern die Teilnahme an einer Akademietagung versagt, weil dort unter anderen ein Referent eingeladen ist, dessen Auffassung Mißfallen erregt hat, zeigt dies das Umfeld, in dem Akademiearbeit geschieht. Die Akademien müssen offenbleiben für Menschen und Meinungen, sie dürfen diese Offenheit nicht durch rasche Parteinahme einengen. Die Akademien dürfen in dieser Offenheit aber auch nicht dadurch eingeschränkt werden, daß man sie auf Vorurteile festlegt oder zur 'Kaderschmiede' umfunktioniert.”
Kurz vor seinem Tod war der katholische Theologe Professor Dr. Karl Rahner zu Gast in Bad Herrenalb (Abb. 22). In seinem Beitrag zur Tagung “Freiheit in der Evolution” verdeutlichte er, daß ein Nebeneinander von naturwissenschaftlicher und theologischer Aussage nicht genügen kann, wen beide nicht in einer dialektischen Spannung aufeinander bezogen sind.
 
 
Im Jahr des Reaktorunfalls von Tschernobyl veranstaltete Dr. Nüchtern die Problemtagung “Gen-Ängste. Wissenschaftsverantwortung im Horizont der Gen-Technik”, bei der u.a. die Professoren Esche, Flämig, Gründel und Herrlich mitwirkten. Die Tagung regte zur Reflektion an, inwieweit die Gentechnik Chancen für die Menschheitsprobleme bietet oder die Gefahr einer vollständigen Manipulation der Natur heraufbeschwört.
 
Streitbar gab sich die Akademie auf der Tagung “Rüstungsproduktion in der Bundesrepublik – ein Beitrag oder Hindernis zum Frieden?”, die Gerhardt Langguth, Dr. Ullrich Lochmann, Kurt und Traudel Kern in Hohenwart veranstalteten. Hintergrund der Debatte war u.a. die geplante “Weltkonferenz für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung”, auf der die globalen Verflechtungen und damit auch die Frage der Schuld deutlich fokussiert werden sollten. Ein Jahr nach Tschernobyl fand dann schließlich die Akademietagung “als ob Tschernobyl nicht gewesen wäre” zusammen mit dem Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) und dem Umweltbeauftragten der badischen Landeskirche, Gerhard Liedke statt, auf der die Risiken der Kernenergie noch einmal deutlich vor Augen geführt wurden (vgl. auch Abb. 23).
 
Nach 20 Jahren Akademiearbeit wurde am 14. März 1987 Akademiedirektor Dr. Böhme im Rahmen der letzten von ihm geleiteten Tagung “Zeit – Endzeit – Ewigkeit” verabschiedet (Abb. 24). Die Tagung bildete dann auch den Abschluß der von Böhme herausgegebenen Buch-Reihe “Herrenalber Texte”, die Reihe wurde von den “Herrenalber Protokollen” abgelöst.
 
Alleiniger Akademiedirektor war von da an Gerhardt Langguth. Die Trennung der Akademie in Arbeitsbereich I und II wurde damit faktisch aufgelöst, statt drei Tagungskategorien (offene Tagungen, Tagungen für bestimmte Teilnehmerkreise und geschlossene Tagungen) gab es von nun an nur noch offene und geschlossene Tagungen.
 
Ein zweites wichtiges Datum war 1987 die Feier zum 40. Jubiläum der Akademie, auf der Elisabeth Adler, die langjährige Leiterin der Partnerakademie Berlin-Brandenburg (damals noch DDR) den Festvortrag hielt und die Aufgaben Evangelischer Akademien im konziliaren Prozeß in Richtung auf eine Weltkonferenz für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung unterstrich.
Als Gastgeschenk hatte sie der Akademie sechs Spruchweisheiten mitgebracht, die hier noch einmal in Erinnerung gebracht werden sollen (nachzulesen in “Diskussionen 26”). Das erste Sprichwort wurde als Titel für das vorliegende Buch gewählt:
 
  1. “Wer redet, liebt” (Afrikanisches Sprichwort),
  2. “Der Weg zum Himmel ist auch schon Himmel” (Teresa von Avila),
  3. “Unrecht tun ist schlimmer als Unrecht leiden” (Hendrikus Berkhof),
  4. “Frieden – du leiseste aller Geburten” (Nelly Sachs),
  5. “Der Frosch trinkt den Teich nicht aus, in dem er sitzt” (indianisches Sprichwort),
  6. “Das Kommende ist schon in dem, was ist, nahe” (Carter Heyward).
Grußworte an die Akademie richteten der stellvertretende Ministerpräsident von Baden-Württemberg Gerhard Weiser (Stuttgart), Landesbischof Dr. Klaus Engelhardt, der damalige Generalsekretär der Evangelischen Akademien in Deutschland, Fritz Erich Anhelm (Bad Boll), und der Vizepräsident der badischen Landessynode, Pfarrer Gert Ehemann, Meersburg (vgl. auch Abb. 25). Minister Weiser wünschte, daß die Akademien weiterhin eine “Gesprächskultur pflegen, bei der Probleme so diskutiert werden, daß dem anderen unterstellt wird, daß er das Richtige will”. In einer Jubiläums-Sondernummer der “Kirche für die Arbeitswelt” machte Gerhardt Langguth erstmals einige Highlights in der Geschichte der badischen Akademie einem breiteren Publikum zugänglich. Der Akademie schrieb Akademiedirektor Langguth die folgenden Worte ins Stammbuch:
 
“Die Evangelische Akademie Baden ist eine der kleinen Akademien in der Bundesrepublik Deutschland. Sie kann und will sich nicht messen mit Bad Boll, Tutzing oder Loccum. Nichtsdestoweniger haben eine kleine Zahl von Mitarbeitern eine vergleichsweise große Zahl von Männern, Frauen und Jugendlichen erreicht und ihnen Hilfe zur geistigen Auseinandersetzung im Hören auf die Botschaft der Bibel von dem Einen Gott geleistet [..]. Möge es den Mitarbeitern durch Gottes Geist geschenkt werden, Gespräche zwischen Einzelnen und Gruppen in Gang zu bringen, wo sonst das Gespräch abgerissen ist oder in unfruchtbare Konfrontation zu führen droht, und dann mit den Gesprächspartnern den einzig gültigen, befreienden, Zukunft und Hoffnung eröffnenden Orientierungspunkt zu suchen und zu finden.”
 
Das Gespräch über Osteuropa rückte Gerhardt Langguth erneut in den Blickpunkt mit einer Tagung zu den kirchlichen, kulturellen und politischen Beziehungen zwischen Polen und Deutschland. Bereits 1987 hatte die Tagung “Friede mit der Sowjetunion”, die u.a. von Michail Gorbatschows Rede “Wir brauchen Demokratie wie die Luft zum Atmen” angeregt war, eine anspruchsvolle Basis für Tagungen zur Überwindung des Ost-West-Gegensatzes geschaffen. Die Arbeitslosigkeit wurde 1988 mehr und mehr zu einem Thema, das die Bundesbürger beschäftigte (Abb. 26). Auf der von Dr. Lochmann und Professor Dr. Schüring veranstalteten Akademietagung mit dem Verein Deutscher Ingenieure von 1988 wurde daher gefragt: “Arbeitslosigkeit – notwendige Folge des technischen Fortschritts?” Dr. Ullrich Lochmann schrieb zu der Tagung:
 
“Massenarbeitslosigkeit gehört zu den größten Problemen der Welt und auch unseres Landes. Eine Spaltung der Gesellschaft, die finanzielle, seelische und soziale Verarmung vieler Menschen gehen damit einher.”
 
Im Halbjahresprogramm 1989 weist Akademiedirektor Langguth noch einmal auf die neuen Problemstellungen durch Europa hin:
 
“Einerseits gilt es, die Chancen und Gefährdungen des [..] sich auftuenden Europäischen Binnenmarktes in den Blick zu nehmen. Andererseits soll bedacht und berücksichtigt werden, daß zum ‘Gemeinsamen Haus Europa’ auch die Völker Osteuropas dazugehören, wobei den beiden deutschen Staaten eine besondere Vermittlungsaufgabe zukommt. Im zusammenwachsenden Europa haben die christlichen Kirchen eine besondere Verantwortung, die das Erbe der Schuld ebenso einschließt wie den Schrei nach Gerechtigkeit aus den Ländern der Zweidrittelwelt.”
 
Mit der Karl-Barth-Tagung “Komm, Heiliger Geist” im Dezember 1989 verabschiedete sich Gerhardt Langguth von der Akademiearbeit. Die geschäftsführende Leitung der Evangelischen Akademie Baden wurde nun von Studienleiter Dr. Michael Nüchtern übernommen (Abb. 27).
 
Das Kollegium des Oberkirchenrates der badischen Landeskirche hatte inzwischen Überlegungen zur “Straffung der Strukturen aller Arbeitsbereiche der Badischen Landeskirche” angestellt (vgl. Langguth im Vorwort der “Diskussionen 27”), die sich schon bald auf die Akademiearbeit auswirkten: Die Industrie- und Sozialarbeit der Landeskirche, die über 20 Jahre lang fest mit der Akademie verbunden gewesen war, mit ihren Außenstellen in Freiburg und Mannheim aber nie vollständig in die Akademiearbeit integriert werden konnte, sollte organisatorisch wieder verselbständigt werden, dennoch aber mit der Akademie verklammert bleiben.
 
Nüchtern verortete die Akademiearbeit auf einem Königsweg zwischen “Streitkultur” und “Orientierungswissen”:
 
“Die Tagungen und Seminare der Evangelischen Akademie wollen mithelfen, daß Menschen sich im Streit der Meinungen gegenseitig besser erkennen können. Sie dienen der Orientierung in einer Welt, die der Aufklärung immer noch bedarf. Und je rascher sich eine Gesellschaft u. a. durch technologische Entwicklungen verändert, desto wichtiger wird für mich die Suche nach der Vergewisserung durch das, was bleibend gültig ist.”
 
Ende 1989 veranstaltete Nüchtern die Orientierungs-Tagungen “Heilung und Heil. Gesundheit und Krankheit in den Religionen”, “Mystischer Revolutionär, ungewordener Reformator: Thomas Müntzer” und eine Tagung zum Thema “Zeit – was ist das? Annäherungen an ein alltägliches Geheimnis”.
 
Das Thema “Zeit” wurde von der Akademie dann u.a. 1990 von Studienleiter Dr. Lochmann vertieft auf der Tagung “Droht das Ende der gemeinsamen Zeit?”, wo es um Zeitsapekte vor allem in der Arbeitswelt ging, diskutiert wurde über flexible Arbeitszeit, Schichtarbeit und die Frage “Einebnung des Wochenendes?”
 

Akademietagungen als Spiegel der Zeit (1978–1989)

1978  “Die Telekommunikation von morgen – was bringt sie? –wer verantwortet sie?”
         “Herr, ich warte auf dein Heil”
           1. Tagung “Christen und Juden heute”
1979  “Nimmt die Angst zu?”
         “Ausländische Mitbürger – ein Prüfstein für unsere Gesellschaft”
         “Frieden – eine lange Zeit vernachlässigte Aufgabe der Christen?”
1980  “Energiepolitik mit oder ohne Kernenergie?”
          “Faschismus – nur Vergangenheit oder auch Zukunft?”
1981  “Am Anfang war die Familie”
          (Tagung über Familienmüdigkeit und Kinderfeindlichkeit)
1982  “Recht oder Gewalt”
          “Islam in der Bundesrepublik – Wege zum Verständnis”
1983  “Das Ende der Evolution”
          “Israel und die Zukunft der Palästinenser”
          “Ungewollte Schwangerschaft, Arzt und Ethik”
          “Wie (un)sicher ist die Bundesrepublik Deutschland durch (Atom)raketen? 5. Friedenstagung der Akademie”
1984  “Wie krank macht uns die Umwelt?”
          “Zukunft des Industrielandes Baden-Württemberg”
1985  “Trage Leiden geduldiglich -
            Was können wir von mystischer Frömmigkeit lernen?”
          “Ökologie und Ökonomie”
          “Wohin tendiert das neue Ausländerrecht?”
1986  “Gen-Ängste”
          “Der Mensch und die Zukunft der Arbeit”
1987  “...als ob Tschernobyl nicht gewesen wäre”
          “Friede mit der Sowjetunion”
1988  “AIDS: Was müssen wir wissen? Was sollen wir tun?”
          “Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit”
          “Sterben und Sterbehilfe”
1989  “Hebt der Mensch das Weltklima aus den Angeln?”
          “Bettelarm – Stinkreich”