Prager Frühling und deutscher Herbst - die Zeit von 1967bis 1976
Im Zusammenhang mit gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen eröffnen sich für die Akademie neue Themenkreise. Studentenrevolte und das Attentat auf Rudi Dutschke (1968), Verabschiedung der Notstandsgesetze (1968), Panzer in Prag (1968), Friedensnobelpreis für Willy Brandt (1971), Abschluß der Ost-Verträge (1972) sind einige wichtige Ereignisse dieser Zeitspanne. Mit dem Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit 1972 (“Die Grenzen des Wachstums”), den autofreien Sonntagen während der Ölkrise (1973) und den jahrelangen Auseinandersetzungen um das Kernkraftwerk Whyl erlangt das Thema Umwelt immer mehr Aufmerksamkeit. Am Ende bestimmen die Baader-Meinhof-Prozesse (1975) und die Entführung Hanns-Martin Schleyers (1977) die Schlagzeilen eines “Deutschland im Herbst”.
Das gesellschaftspolitische Klima in der Bundesrepublik hatte sich inzwischen deutlich gewandelt, die Traditionen waren in den 60er Jahren ins Wanken gekommen und wurden von der jungen Generation zum Entsetzen der älteren einfach abgestreift. Die Gewalt des Umbruchs wird auch im folgenden Auszug aus dem ersten Halbjahresprogramm 1967 deutlich:
“Der Boden der Gegenwart schwankt, ist in ständiger Bewegung und weitreichenden Veränderungen ausgesetzt. Es ist, als versuchten wir mitten in einem Erdbeben, während die bergenden Mauern noch immer stürzen, Pläne für den Aufbau zu machen.”
Zu diesem “Erdbeben” paßten die personellen und strukturellen Veränderungen von 1967. Akademiedirektor D. Hans Schomerus wurde Ende des Jahres verabschiedet. Sein Nachfolger wurde Pfarrer Dr. Wolfgang Böhme, der bisher stellvertretender Akademiedirektor an der Nachbarakademie Bad Boll gewesen war und die Evangelische Akademie Hessen mitgegründet hatte.
Gleichzeitig wird auch Gegenheimer Akademiedirektor. In einem Nachruf zwei Jahre später bezeichnete er seinen Vorgänger Schomerus als einen “Konservativen mit weitem Horizont”. Schomerus sei ein Mann gewesen, der “in kein simples Klischee paßte”. Und weiter:
“Zwar konnte er sich selber manchmal einen 'Konservativen' nennen, dann aber sprengte dieser Begriff sofort alle die gängigen Vorstellungen, mit denen ihn ein primitives Denken einzufangen gedachte. 'Konservativ' hieß für Hans Schomerus: in einem lebendigen, nie abbrechenden, kritischen Dialog stehen mit der Vergangenheit. Niemals war damit eine blinde Übernahme der Tradition gemeint. So konnte er sich auch selber revidieren und in der Vergangenheit eingenommene eigene Standpunkte in Frage stellen. 'Ich habe viel Ungereimtes und sicher auch viel Unsinn in meinem Leben geschrieben.' So hat er einmal in einer Diskussion gesagt. Und man denkt mit Wehmut: Was wäre das für eine Befreiung, wenn seine Kollegen aus der Publizistik nur ein bißchen von solcher Großzügigkeit aufweisen könnten!”
Mit dem Ausscheiden eines Akademiedirektors, so läßt sich heute im Rückblick sagen, bahnten sich stets auch strukturelle Veränderungen der Akademie an. Entscheidend für die nächsten 20 Jahre wird zum einen der Beschluß, die Industriearbeit von der Männerarbeit der badischen Landeskirche abzukoppeln und mit der Akademie zu verbinden. Zum anderen sollte zukünftig die Leitung der Akademie zwischen den nunmehr zwei Akademiedirektoren im zweijährigen Turnus wechseln. Die Veränderungen wurden deutlich in der Gliederung der Akademie in acht Fachgruppen:
- Akademische Berufe, Grundlagentagungen, Theologie und Kirche,
- Industrie,
- Lehrer und Eltern,
- Primaner und Abiturienten,
- Öffentlicher Dienst,
- Landwirtschaft,
- Handwerk,
- Freizeit und Sport.
Der Titel “Studienleiter”, so schlug Gegenheimer vor, sollte funktional an die Leiter der Fachgruppen der Akademie verliehen werden, die alle noch weitere Aufgaben in der Landeskirche zu erfüllen hatten. Das waren damals Oskar Hermann (Freiburg), Industriepfarrer für Südbaden, Albert Koop, Gemeinschaft Evangelischer Erzieher (GEE) und zuständig für die Fachgruppe Lehrer und Eltern, Schülerpfarrer Hans-Joachim Mack (Karlsruhe), zuständig für die Fachgruppe Primaner und Abiturienten, Industriepfarrer Gerhardt Langguth (Mannheim) zuständig für die Fachgruppen Handwerk und Freizeitwelt sowie Friedrich Wernz (Meckesheim), Bauernpfarrer und zuständig für die Fachgruppe Landwirtschaft.
Später wurde der Titel Studienleiter dann doch nur im Zusammenhang mit den drei Industriepfarrern und dem Studienleiter, der dem Arbeitsbereich von Dr. Böhme zugeordnet war, verwendet.
Durch diese im wesentlichen von Landesbischof Dr. Heidland konzipierte Gliederung der Akademie sollten alle auf die Gesellschaft (also nicht auf Kirchengemeinden und Kirchenbezirke) ausgerichteten Aktivitäten der Landeskirche in der Akademie zusammengefaßt werden. Die Akademie erweiterte dadurch ihr Spektrum und erhielt im Grunde neue Chancen, verlor andererseits auch ihr in 20 Jahren gewachsenes Profil.
Die Gliederung der Akademie in so viele Fachgruppen spiegelt auch die zunehmende Pluralisierung der Gesellschaft wider. So schreibt Böhme im Leitartikel der 1968 erstmals erscheinenden Zeitschrift mit dem für die Akademiearbeit programmatischen Namen “Diskussionen”:
“Die Gesellschaft wird immer pluralistischer, auch die Kirche ist von dieser Entwicklung nicht ausgenommen. Die Auffassungen gehen in vielen Fragen weit auseinander. Übereinstimmung ist immer schwerer herzustellen. [...] Meinung steht gegen Meinung, und selbst diejenigen, die mit einer festen eigenen Anschauung gekommen waren, werden schwankend. Mit Recht erhebt sich dann der Ruf nach der verbindlichen kirchlichen Aussage, nach dem klärenden Wort, das die Dinge wieder zurecht rückt, schwarz schwarz und weiß weiß nennt.
“Die Gesellschaft wird immer pluralistischer, auch die Kirche ist von dieser Entwicklung nicht ausgenommen. Die Auffassungen gehen in vielen Fragen weit auseinander. Übereinstimmung ist immer schwerer herzustellen. [...] Meinung steht gegen Meinung, und selbst diejenigen, die mit einer festen eigenen Anschauung gekommen waren, werden schwankend. Mit Recht erhebt sich dann der Ruf nach der verbindlichen kirchlichen Aussage, nach dem klärenden Wort, das die Dinge wieder zurecht rückt, schwarz schwarz und weiß weiß nennt.
Sicher, in einigen Fällen (dort nämlich, wo eine gewisse Einigkeit in den Anschauungen bereits vorhanden ist) läßt sich eine Klärung herbeiführen und lassen sich gültige und verbindliche Antworten geben. Aber gerade in den Fragen, in denen die Meinungen am weitesten auseinandergehen, ist dies nicht ohne weiteres möglich. Da kann die Diskussion nichts anderes leisten, als daß sie die einzelnen Standpunkte herausarbeitet, daß sie aufweist, welches das eigentliche Thema ist, um das es geht, und daß sie den Hörer dann in das eigene Nachdenken und in die eigene Entscheidung entläßt.”
Die Akademie nahm mit den Außenstellen der Industriepfarrämter in Mannheim und Freiburg einen deutlichen Aufschwung. Ab dem Jahre 1968 wurde die Zahl von 100 Tagungen regelmäßig überschritten, jährlich wurden 4500 bis 6000 Teilnehmer erreicht. Kein Wunder, daß das Image der Akademie auch für andere Veranstalter attraktiv war. Im November 1968 bitten Böhme und Gegenheimer um Schutz der Bezeichnung “Evangelische Akademie” bei Veranstaltungen außerhalb der Tagungshäuser der Akademie, beklagt wird eine gewisse Inflation des Begriffs, ohne daß Niveau und Methode eingehalten werden. Im Dezember versandte OKR Hans-Joachim Stein ein amtliches Schreiben an alle Pfarrämter mit dem folgenden Hinweis:
“Die Verwendung des Namens 'Akademie' ist in Zukunft nur gestattet, wenn die Programme mit der Leitung der Akademie durchgesprochen und von ihr gebilligt sind.”
Während die Akademiearbeit in der aufgezeigten Breite angelaufen ist, fordern Arbeitsgruppen in Sachen Akademie, Herrenalb soll ausschließlich Sitz der Akademie und Tagungsstätte für die Landesynode sein, für die übrigen Tagungen sollen andere Tagungsmöglichkeiten gefunden werden. Eine Verstärkung des Mitarbeiterstabs zur deutlichen Erweiterung der Akademiearbeit (wie in Bad Boll) wird gefordert, Böhme meldet Bedarf an für 1 Theologen, 1 Pädagogen, 1 Psychologen oder Soziologen. Gegenheimer für 1 Wirtschaftswissenschaftler, 1 Theologen, 1 Pädagogen. Für die Gesamtakademie wird ein Pressereferent gefordert. Im Programm II/1968 werden dann erstmals Horst Bechtold und Helmut Behle (ab 1969 Margrit Franzmann) als Jugendbildungssekretäre der Akademie erwähnt.
Das Halbjahresprogramm September 1969 bis Januar 1970 unterscheidet zwischen zwei Tagungskategorien: “Problemtagungen” und “Tagungen für Gruppen”. Daneben gibt es noch örtliche Vortragsreihen im Umfeld des (bisherigen) Freundeskreises der Akademie, in Lahr von A. Krämer und H. Kaufmann, in Freiburg von Pfarrer F. Ritter, in Konstanz von Pfarrer K. Heidenreich, in Pforzheim von Oberstudiendirektor Dr. H. Rothfritz und in Rastatt von Dr. W. Möhring.
In Karlsruhe wird eine örtliche Vortragsreihe mit dem von W. Gegenheimer geführten “Arbeitskreis Ingenieure” durchgeführt, der aus Tagungen der Akademie mit Ingenieuren und Technikern hervorgegangen ist. In den Wintermonaten 1969 traf er sich zu “intensiver theologischer Arbeit”, nachdem an die Akademie eine Bitte um eine Art “Theologie für Nichttheologen” herangetragen wurde.
Die Tagungen, die der Verein Deutscher Ingenieure (VDI), Ortsverein Karlsruhe, unter der Leitung von Professor Dr. Schüring und Dr. Lochmann auch heute noch regelmäßig in Herrenalb mit der Akademie veranstaltet, lassen sich durchaus in dieser Tradition zu sehen.
Willy Brandt wird 1969 mit knapper Mehrheit zum Bundeskanzler gewählt. Auf der Tagung “Die Parteien und die Kirchen – Hat sich die Situation geändert” wird über mögliche Veränderungen mit dem Regierungswechsel diskutiert.
Im Halbjahresprogramm 1969 wird auch auf die Gründung eines Vereins zur Förderung der Evangelischen Akademie Baden e.V. im Mai 1969 hingewiesen, Nachfolger des Freundeskreises.
Der bereits 1968 geforderten Verstärkung des Mitarbeiterstabs der Akademie, insbesondere für die Problemtagungen, wird am 23. Oktober 1970 Rechnung gezollt: Dr. Jürgen Hübner wird als Studienleiter an die Akademie berufen.
Vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wertewandels läßt Dr. Böhme in diesen Jahren Themen aus dem Bereich Ehe, Partnerschaft, Liebe und Sexualität zum Gegenstand vieler Tagungen werden. Erwachsenenbildung wird groß geschrieben, in Zusammenarbeit mit Dr. Gerhard Strunk von der Deutschen Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung (DEAE) führt Böhme u.a. mehrere Seminare zur “Ethik modernen Sexualverhaltens” durch. Die Kurse sollen insbesondere der Einführung von Seminarleitern dienen. In Herrenalb tagt am 4. und 5. November 1969 aber auch die dritte Arbeitskonferenz in Verbindung mit der DEAE zum Thema “Ausbildung von nicht auf Universitäten vorgebildeten Mitarbeitern in der Erwachsenenbildung”. (Thema 1968: Einführung in die Erwachsenenbildung, 1969: Die Ausbildung von Erwachsenenbildnern an Universitäten)
Ein beachtliches Bildungsprogramm in Industriebetrieben, bei dessen Durchführung die Akademie half, konnte die “Industriejugend” mit ihren Jugendbildungssekretären anbieten. Mit Betrieben in ganz Baden wurden regelmäßig Tagungen veranstaltet.
In diesen Jahren des gesellschaftlichen Umbruchs wurde auch die Rolle der Wissenschaft und der Technik in der Akademie neu überlegt. Auf der Tagung “Chemie und Leben” vom 29.-31. Januar 1971 sprach Willi Gegenheimer von der Verantwortung der Technik und Wissenschaft, die “immens gewachsen” sei.
Gegenheimer nahm auf der Tagung eine Position zwischen “Kulturpessimismus” und technischem Schwärmertum ein. Gleichzeitig aber betonte er, wie wichtig es sei, “die Ideologie der totalen Machbarkeit einer strengen rationalen Revision zu unterziehen”. Ernst von Weizsäcker unterstrich auf der Tagung, daß die wachsende Verflechtung der Welt eine neue Haltung der Naturwissenschaftler nicht zuletzt im Sinne der Bewahrung des Friedens erforderlich mache.
Um ein ähnliches Thema ging es im Juni auf der Tagung “Motive der Verantwortung” mit der “Gesellschaft für Verantwortung in der Wissenschaft e.V.”, die von Akademiedirektor Gegenheimer und Professor Dr. Werner Luck geleitet wurde. Alle Disziplinen der Wissenschaft und Technik seien zu ihren je eigenen Beiträgen zur “Verantwortung” und zum Gespräch aufgerufen. In der Einladung bekennt man sich zum interdisziplinären Dialog zwischen den Wissenschaften gleichsam als neuem Wissenschaftsparadigma:
“Nun darf die Spiegelfechterei zwischen sogenannten Natur- und Geisteswissenschaften nicht mehr fortgesetzt werden. Wenn es um das Überleben der Menschheit geht, kann nur noch der interdisziplinäre Dialog in den Grundproblemen unserer Zeit Wege in die Zukunft erschließen.”
Im Oktober 1971 wird der Tagungsort der Akademie, die Stadt Herrenalb, in Bad Herrenalb umbenannt.
Zwei Vorworte in einem Halbjahresprogramm? Im ersten Halbjahr 1972 wird erstmals die bis 1988 fortdauernde Teilung der Akademie in zwei Arbeitsbereiche auch visuell deutlich. Das Vorwort von Dr. Böhme für den Arbeitsbereich I und von Gegenheimer für den Arbeitsbereich II der Akademie läßt unterschiedliche Vorstellungen über die Aufgabe der Kirche und die Rolle der Akademie erahnen: Böhme betont, daß “Aktivismus, Mitwirkung bei der Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse [...] nicht von der Rückbindung an Gott gelöst werden darf, die Aktion nicht von der Meditation, das Tun nicht vom Hören, der Dienst am Mitmenschen nicht vom Gottesdienst”.
Seine Haltung wird deutlich auf Tagungen wie “Kommt eine neue Mystik?” (Mai 1972). Auf Interesse stößt dabei nicht etwa nur die christliche Mystik, Beiträge gibt es auch zum Thema “Drogenmystik” (Professor D. Dr. Ernst Benz), zu “C.G. Jung als Mystiker” (Aniela Jaffé) und zum weltanschaulichen Thema “Die transzendentale Meditiation und andere neomystische Strömungen” (Pater Emmanuel Jungclaussen) (Abb. 17).
Gegenheimer geht in seinem Vorwort aus vom Thema “Polarisierung” und beschreibt es als christliche Aufgabe, “Steine wegzuräumen” statt “Steine zu werfen”. Er hebt hervor, daß sich die Evangelischen Akademien weit in die Räume hineingewagt hätten, in denen Steine geworfen werden: “in die Auseinandersetzungen der großen Mächtegruppen im politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, im rassistischen und in dem kontrovers theologischen, kirchlichen und religiösen Bereich”. Sie seien deshalb zu fragen, ob sie – ohne scheinbar neutral zu bleiben, sich “in allen jenen Bereichen entschlossen engagieren, wo Steine weggeräumt statt geworfen werden”. Im zweiten Halbjahr hat man sich dann wieder auf ein Vorwort geeinigt und schreibt:
“Was unserer Welt heute not tut, ist ein ungleich differenzierteres Denken, als es unter uns üblich war. Zu sehr beherrschen die terribles simplificaturs das Feld. Sie können nur im Plakatstil urteilen. Damit aber verstellen sie den Blick auf Realitäten und leisten einer immer stärkeren Ideologisierung ihren Tribut.”
Gegen die ideologischen Scheuklappen versucht die Akademie Brücken zwischen allen gesellschaftlichen Gruppen zu bauen. Beispielhaft erscheinen u.a. zwei Tagungen: “Der Unternehmer – konstitutives Element jeder Gesellschaftsordnung” lautete das Thema der Unternehmertagung vom 4.-5. Juni 1973 in Bad Herrenalb, die Gegenheimer ebenso veranstaltete wie eine Tagung mit dem DGB Kreis Karlsruhe. Als Referenten auf der Unternehmertagung waren geladen: Professor Dr. J. Häusler, Vorsitzender des Vorstands der IWK Karlsruhe-Augsburg, Hans Merkle, Robert Bosch GmbH und Dr. Hanns-Martin Schleyer, Vorstandsmitglied der Daimler-Benz AG.
Die Besucher von Akademietagungen, so wird in diesem Jahr beobachtet, sind nicht mehr in erster Linie die treuen Glieder der Kirche, sondern jene anderen, die kaum noch Bindungen zur Gemeinde haben. Sie suchen, so heißt es im Vorwort des Halbjahresprogramms 1973/74, “Antwort auf tiefste Fragen menschlicher Existenz in unserer Zeit [...] im gesellschaftspolitischen [...] ebenso wie in den geistigen Grundtendenzen der Gegenwart”. Die Antwort der Akademien sei der Dialog und “Verzicht auf den Monolog in irgendeiner Form”.
Diese Fähigkeit zum Dialog wurde dringend benötigt. Das Stichwort “Die Grenzen des Wachstums” und die Ölkrise sorgten für Unruhe; mehr noch die Auseinandersetzungen um das geplante Kernkraftwerk in Whyl. Industriepfarrer Werner Beck, der 1971 neuer Studienleiter an der Akademie geworden war, brachte 1973 erstmals Vertreter von Bürgerinitiativen, Politik, Wirtschaft und Kirche an einen Tisch, weil er “in der Scheu, mögliche Konfliktlösungen gemeinsam und öffentlich zu diskutieren” ein wesentliches Problem erkannte. Mit mehreren Tagungen und Workshops (z. B. “Wer begutachtet die Gutachten?”, “Quo vadis Oberrhein?”, “Probleme der Energieversorgung”) wurde versucht, diese Scheu abzubauen. Als Ergebnis entstand der “Wiedenfelser Entwurf”, ein Arbeitspapier zur Unterstützung politischer Entscheidungen bei umweltrelevanten Genehmigungsverfahren. Werner Beck wurde daraufhin erster Umweltbeauftragter der badischen Landeskirche.
1974 wurde nach langen Diskussionen eine neue Dienst- und Geschäftsordnung der Akademie erlassen. Böhme hatte insbesondere das Ungleichgewicht in den Arbeitsbereichen der beiden Direktoren beklagt. Während Böhme die Tagungen in seinem Bereich mit nur einem Studienleiter (Dr. Hübner) leisten mußte, standen Gegenheimer die drei Industriepfarrer, drei Jugendbildungssekretäre und drei Sozialsekretäre zur Verfügung.
Auch inhaltlich sah man sich gefordert, in Kenntnis der globalen Situation nach neuen Wegen zu suchen. So heißt es im Halbjahresprogramm I, 1974:
“Nun könnte es wieder notwendig sein, zusammenzurücken, ein Stück bescheidener zu werden, nicht immer nur zu fordern (und damit die gegebenen Möglichkeiten zu überfordern), sondern sich ein Stück weit auch zu beschränken, zu Opfern bereit zu sein. (...) Nach dem 2. Weltkrieg waren die Akademien für viele eine der wichtigsten Begegnungsstätten, an denen die Zukunft unserer Gesellschaft diskutiert und mitgestaltet wurde. Sie werden darum bemüht sein müssen, dies auch in der nun entstandenen Lage wieder zu sein. Keine ‚Stunde Null‘ ist da, gewiß nicht. Aber es ist die Chance da, sich auf die Grundfragen unseres Lebens zu besinnen, einander bei den nächsten Schritten zu beraten. Es kann nicht einfach alles weitergehen wie bisher. Vieles muß neu durchdacht und anders getan werden.”
1972: 136 Tagungen, 6744 Teilnehmer,
1973: 150 Tagungen, 7401 Teilnehmer,
1974: 136 Tagungen, 6227 Teilnehmer.
Auch in der Vergangenheit wurde die badische Landeskirche und damit auch die Akademie nicht von Sparwellen verschont, wie die Diskussion in der Landeskirche über die Zusammenfassung der Geschäftsstellen der Dienste und Werke im Jahr 1975 zeigt. Die Akademie begrüßte vor dem Hintergrund der Zeitprobleme grundsätzlich die Bemühungen, dadurch eine effizientere Verwaltung und Einsparungen im Personalbereich zu ermöglichen.
Akademiedirektor Gegenheimer betont allerdings im November 1975, daß eine Neuordnung nicht zu einer “Vermehrung der Macht der Verwaltung gegenüber den praktischen Arbeitsvollzügen” führen darf. Sonst werde eine Neuordnung “geradezu den gegenteiligen Effekt haben”.
Zugleich erinnert Gegenheimer an jene “Besonderheit der Akademie in der Badischen Landeskirche”, die anders als in anderen Landeskirchen “weder über ein eigenes Haus verfügt noch im Bereich Personalwesen etc. eigene Entscheidungen treffen kann”.
Seit 1951 gab es wie in anderen Evangelischen Akademien auch eine Geschäftsstelle. Geschäftsführer(innen) der Akademie waren u.a. Mathilde Weiss, Wilhelm Schmelcher und Friedrich Dobbert. 1976 fiel die Geschäftsstelle der Akademie unter Geschäftsführer Hermann Engelhorn den Sparmaßnahmen zum Opfer, schon bald wird deutlich, daß damit auch manche Stärken der Akademie, u.a. im Bereich Drittmittelförderung, nicht mehr in der gleichen Weise wie bisher wahrgenommen werden können.
Die seit 1973 regelmäßig veranstalteten Arbeitstagungen des “Wiedenfelser Gesprächskeises” zu ökologischen Themen finden eine Fortsetzung mit der Tagung “Die Rolle des Wissenschaftlers in der Gesellschaft” vom 4-6. November 1977. Unter der Leitung von Werner Beck wurde die politische Verantwortung des Wissenschaftlers und seine (Un)abhängigkeit diskutiert. Am Rande dieser Tagung kam es zur Gründung des Öko-Instituts, das später seine Tätigkeit in Freiburg aufnahm.
Akademietagungen als Spiegel der Zeit (1967–1977)
1967 “Der Abbau von Vorurteilen in unserer Gesellschaft”
“Probleme der Weltraumfahrt”
1968 “Wohin geht die Reise?”
(Tagung über den Mißbrauch von Drogen)
“Die Unruhe unter der Jugend – Haben wir eine Antwort?”
1969 “Mensch und Automation”
“Der Erwachsenenbildner in der Gesellschaft von heute”
“Wie konkret sollen kirchliche Denkschriften sein?”
Tagung in Gemeinschaft mit der Kanzlei der EKD
1971 “Kirchenaustritt – ja oder nein?”
“Chemie und Leben”
(Tagung über Kulturpessimismus, Umweltgefahren und die Verantwortung der Wissenschaftler)
“Der Gebrauch audiovisueller Medien in der Erwachsenenbildung”
“Die alleinstehende Frau in der Gesellschaft von heute”
Humanökologie und Umweltschutz – eine Grundlagenkrise?
1972 “Deutschland - was heißt das jetzt?”
(Tagung zu Inhalten und Auswirkungen der Ostverträge)
“Wirtschaftswachstum und Lebensqualität”
“Der Ertrag der Weltmissionskonferenz in Bangkok”
1973 “Quo vadis Oberrhein? Zielkonflikte einer Region”
(Tagung anläßlich der Widerstände gegen das Kernkraftwerk Whyl)
“Die Frau zwischen Kind und Beruf”
1974 “Auto – Umwelt – Krisen”
1975 “Ist das Gewissen prüfbar?”
(Tagung über Kriegsdienstverweigerung und Anerkennungsverfahren)
“Manipulation des Erbgutes?”
“Datenschutz und Persönlichkeitsrecht”
“Im Schweigen des Glaubens”
(Tagung über Zen-Meditation)
1976 “Terror im Rechtsstaat”
“Biologischer Landbau – Ideologie oder Chance”
1977 “Die Rolle des Wissenschaftlers in der Gesellschaft.
Klausurtagung des Wiedenfelser Gesprächskreises”
“Probleme der Weltraumfahrt”
1968 “Wohin geht die Reise?”
(Tagung über den Mißbrauch von Drogen)
“Die Unruhe unter der Jugend – Haben wir eine Antwort?”
1969 “Mensch und Automation”
“Der Erwachsenenbildner in der Gesellschaft von heute”
“Wie konkret sollen kirchliche Denkschriften sein?”
Tagung in Gemeinschaft mit der Kanzlei der EKD
1971 “Kirchenaustritt – ja oder nein?”
“Chemie und Leben”
(Tagung über Kulturpessimismus, Umweltgefahren und die Verantwortung der Wissenschaftler)
“Der Gebrauch audiovisueller Medien in der Erwachsenenbildung”
“Die alleinstehende Frau in der Gesellschaft von heute”
Humanökologie und Umweltschutz – eine Grundlagenkrise?
1972 “Deutschland - was heißt das jetzt?”
(Tagung zu Inhalten und Auswirkungen der Ostverträge)
“Wirtschaftswachstum und Lebensqualität”
“Der Ertrag der Weltmissionskonferenz in Bangkok”
1973 “Quo vadis Oberrhein? Zielkonflikte einer Region”
(Tagung anläßlich der Widerstände gegen das Kernkraftwerk Whyl)
“Die Frau zwischen Kind und Beruf”
1974 “Auto – Umwelt – Krisen”
1975 “Ist das Gewissen prüfbar?”
(Tagung über Kriegsdienstverweigerung und Anerkennungsverfahren)
“Manipulation des Erbgutes?”
“Datenschutz und Persönlichkeitsrecht”
“Im Schweigen des Glaubens”
(Tagung über Zen-Meditation)
1976 “Terror im Rechtsstaat”
“Biologischer Landbau – Ideologie oder Chance”
1977 “Die Rolle des Wissenschaftlers in der Gesellschaft.
Klausurtagung des Wiedenfelser Gesprächskreises”





