Vom Bau der Mauer bis zur Großen Koalition - die Zeit von 1960 bis 1966
Die weltpolitische Lage ist nach wie vor von dem Konflikt der Großmächte geprägt, der im Bau der Berliner Mauer (1961), der Kuba-Krise (1962) und der Eskalation des Vietnamkrieges (1964) der Öffentlichkeit drastisch vor Augen geführt wird. Innenpolitisch stellen die Auschwitz-Prozesse (1963-1966) und die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Israel (1965) wichtige Zeitmarken dar. Ausweitung und zunehmende Technisierung der Produktion und das Anwerben von immer mehr “Gastarbeitern” kennzeichnen die Endphase des deutschen “Wirtschaftswunders”. Die sich rasch verschärfende wirtschaftliche Rezession und das Aufkommen rechtsradikaler Strömungen führen 1966 zur Bildung einer Großen Koalition.
Die sich schon länger anbahnende Erweiterung der Akademie wird 1960 vollzogen. Um dem Anspruch gerecht zu werden, eine große Bandbreite unterschiedlicher Berufsgruppen mit dem Akademieprogramm anzusprechen, wird der Mitarbeiterstab der Akademie erweitert. Am 1. April 1960 tritt Pfarrer Willi Gegenheimer, bislang Leiter der Männer- und Industriearbeit der Landeskirche, als Studienleiter an die Seite von Hans Schomerus.
Mit den Tagungen von Gegenheimer rückte insbesondere die Berufs- und Lebenswelt von Gewerkschaftern und Unternehmern, Industriearbeitern und Angestellten, Betriebs- und Personalräten deutlicher ins Blickfeld der Akademie. Einem weitaus größerem Kreis von Menschen, die der Kirche auch relativ fern standen, konnte die Akademie nun ein erweitertes staatsbürgerliches und gesellschaftliches Bildungsangebot auf der Basis des biblischen Menschenbildes anbieten.
Eine der ersten Tagungen Gegenheimers war die zweisprachige Tagung für französische und deutsche Pädagogen: “L’art moderne dans les problèmes de l’entente européenne/ Die Kunst der Moderne im Lebensbereich europäischer Verständigung”, die vom 15.-17. Juni 1960 in Sewen bei Belfort (Frankreich) stattfand. Ausgehend von der Kunst galt die Aussprache der Frage, die auch heute noch im zusammenwachsenden Europa aktuell ist: Welchen Weg wollen die Völker Europas weiter vorangehen, den “technisch-formalen oder den menschlichen Weg”?
Viele Tagungen dieser Zeit wenden sich aber auch gezielt einzelnen Berufsgruppen, Verbänden, Organisationen und Betrieben zu und werden z.T. auch gemeinsam organisiert. Mit der Leitung von Tagungen sind 1960 neben Akademiedirektor Schomerus und Studienleiter Gegenheimer Mitarbeiter aus der Männer- und Industriearbeit wie Oskar Herrmann, Willi Müller und Lothar Volz aus der Bauernarbeit beauftragt. Als Tagungsstätten neben dem “Haus der Kirche” in Herrenalb werden das August-Winnig-Haus in Wilhelmsfeld (Odenwald) sowie das Albert-Schweitzer-Haus in Görwihl (Süd-Schwarzwald) genutzt. Die Zahl der Tagungen konnte mehr als verdoppelt werden:
1958: 28 Tagungen mit 2314 Teilnehmern,
1959: 30 Tagungen mit 2043 Teilnehmern,
1960: 70 Tagungen mit 3874 Teilnehmern,
1961: 110 Tagungen, 5531 Teilnehmern.
In dem Bericht an die Landessynode wird erklärt, “daß der Erfolg der Akademie weithin einer allgemeinen Tendenz zu verdanken ist, nämlich dem starken Bedürfnis nach Information. In allen Epochen, in denen der Mensch sich nicht mehr an Traditionen orientieren kann, wächst das Bedürfnis an Information.”
Ein wenig in Vergessenheit geraten ist, daß die Akademie Baden als wohl erste europäische Akademie sich offensiv mit dem Thema Dritte Welt auseinandersetzte und schon 1960 einen “originalen Beitrag zur Entwicklungshilfe” leistete, indem sie Pfarrer Ardi Soejatno aus Java für fast ein Jahr in die Arbeit der Evangelischen Akademie Baden hineinnahm. Damit sollte ihm Gelegenheit geboten werden, in Baden Erfahrungen in der Akademiearbeit zu sammeln und sie in seiner Heimat auszuwerten. Im Bericht an die Landessynode von 1961 heißt es:
“Mit der Übernahme von Pfarrer Ardi Soejatno aus Java in die Akademie von Februar bis Ende November 1960 hat Herrenalb als erste europäische Akademie ein Experiment gemacht, das nach dem Bericht von Dr. Müller-Krüger aus Surabaja lebhaft in den Jungen Kirchen Indonesiens, Indiens und Japans besprochen worden ist, und zwar mit großer Zustimmung.
Inzwischen haben sich aufgrund unserer Erfahrungen auch andere Akademien wie Iserlohn und Hamburg entschlossen, denselben Weg einer originalen Entwicklungshilfe zu beschreiten. Es wäre sehr zu wünschen, daß die Arbeit fortgesetzt werden könnte. Sie erfordert einschließlich Reise vom Entwicklungsland und zurück, erste Kleiderausstattung und Gehalt für 12 Monate etwa DM 16.000,-. Wir geben uns Mühe, diese Mittel zu bekommen, ohne die Finanzen der Landeskirche in Anspruch zu nehmen.”
Diesem internationalen, ökumenischen Denken war die Akademie auch sonst verpflichtet. Denn nicht nur das badische Nachbarland Frankreich wurde von der Akademie wahrgenommen, sondern auch der Bodensee-Nachbar Österreich. In den 60er Jahren veranstaltete Schomerus regelmäßig Tagungen mit der Evangelischen Pfarrgemeinde in Dornbirn (Vorarlberg), zu denen ausdrücklich auch Gäste aus der Schweiz eingeladen wurden. Bis in die 70er Jahre wurde dieser Kontakt gepflegt. Das Thema der Tagung 1961 lautete: “Naturwissenschaft und Glaube”, im Mittelpunkt stand dabei die Frage, ob sich der europäische Mensch der Natur gegenüber “als technischer Routinier oder bloßer Naturausbeuter oder in Ehrfurcht vor dem Geheimnis der Schöpfung” verhalten will.
In einem Brief an das Kultusministerium von 1962 wird auf den erweiterten Mitarbeiterstab der Akademie seit 1960 hingewiesen. Zur Bestreitung der Akademiearbeit werde folgendes Personal eingesetzt: 1 Akademiedirektor, 1 Studienleiter, 1 wissenschaftlicher Mitarbeiter (Dr. Brandenburg), 2 Tagungsleiter für Öffentlichkeitsarbeit und Erwachsenenbildung (Müller, Hermann), 1 Sozialreferent (Donath), 1 Sachbearbeiter für Lehrer, Erzieher- und Elternarbeit (Koop), 2 Tagungsleiter für Dorf und Bauernarbeit (Wernz, Volz), 7 Büroangestellte.
Die Akademie, so wird betont, halte vorwiegend überregionale Tagungen ab “mit Teilnehmern, die ohne jede Rücksicht auf Mitgliedschaft zu kirchlichen Werken oder Verbänden eingeladen werden, die Konfessionszugehörigkeit spielt keine wesentliche Rolle”. Als Sachgebiete der Akademie werden genannt:
Wirtschaftsfragen, Naturwissenschaften, Literatur, Philosophie, Politik, Gesundheit, religiöse Themen, Ökumene, Tage für Bürgermeister, Lehrer und Pfarrer in Dörfern, Tage für Juristen, Tage für ausländische und deutsche Studierende, mit Abiturienten und mit leitenden Herren deutscher Dienstgruppen bei den amerikanischen Streitkräften (Labour-Sevice).
Die 60er Jahre waren für die Akademie in Herrenalb aus zweierlei Gründen Schlüsseljahre:
Zum einen erschien im Juni 1963 die Denkschrift “Der Dienst der Evangelischen Akademien im Rahmen der kirchlichen Gesamtaufgabe”. Die Akademien werden darin als “Stätte der Begegnung”, “Erwachsenenkatechumenat” und “Stätte der Seelsorge und Verkündigung in Alltagsbereichen” bezeichnet. In der Denkschrift heißt es dann weiter:
“Als Stätten der Begegnung sind Akademien gewissermaßen 'Zelte des Nachdenkens' [...] Eine Art Erwachsenenkatechumenat sind die Akademien geworden, weil ihre Tagungen in der Regel so angelegt sind, daß sich dort überwiegend solche Menschen versammeln, die nicht gewohnt sind, in die Kirche zu gehen, die aber in den Akademien entdecken, daß die Botschaft der Kirche etwas mit ihrem persönlichen Leben zu tun hat und daß sie Antwort geben kann auf mancherlei wichtige Fragen. Man könnte die Evangelischen Akademien von daher als einen Areopag des 20. Jahrhunderts bezeichnen [...] Mehrere Akademien gingen über diese Aufgabenstellung noch hinaus, ohne sich aufzugeben. Sie bemühten sich systematisch, seelsorgerliche Zuständigkeiten für bestimmte Alltagsbereiche aufzubauen, sozusagen seelsorgerliche Ambulanzen zu schaffen, die bestimmten Personenkreisen und Handlungsgemeinschaften der modernen Gesellschaft zugeordnet sind.”
Als Arbeitsergebnisse der Akademiearbeit werden u.a. genannt die “Gewinnung neuer Erkenntnisse für die Kirche”, die “Entdeckung neuer missionarischer Wege” und die “Wahrnehmung neuer diakonischer Aufgaben der Christenheit” (S. 111).
Zum Ertrag der missionarischen Arbeit der Akademien heißt es, daß sie beitragen zu einer “teilweisen Überwindung antikirchlicher Affekte in weiten Gruppen der Bevölkerung, z.B. der Arbeiterschaft”, “Entdeckung neuer Methoden des Zugangs zu den kirchlich Fernstehenden”, “Ermutigung kirchlich ungeschulter Menschen zur Äußerung ihrer Fragen und Auffassungen”, “Übersetzung der kirchlichen Botschaft in bisher kaum erreichte Lebensbereiche der modernen Welt”, “Öffnung sozialer Gruppen für einen kirchlichen Dienst (z.B. Betriebe, Gewerkschaften usw.)” und “Vermittlung von Anstößen zu neuem Glauben und Leben an viele bisher kirchlich gleichgültige und geistlich entfremdete Menschen” (S. 112).
Schon damals war vielen Verantwortlichen deutlich, daß die Kirche nur als offensiv handelnde Kirche echte Zukunft hat. Die erste Denkschrift ist auch in diesem Punkt heute noch lesenswert, da sie die gesellschaftlichen Umbrüche, die auf die Kirche zukamen, vorausahnte und Konsequenzen beschrieb. So heißt es in der Schlußbemerkung (S. 123):
“Ihre Arbeit steht gegenwärtig an einem Punkt, wo sich die Kirche entscheiden muß, ob sie sich für große Lebensbereiche und Lebensfragen für mehr oder weniger unzuständig erklären, oder ob sie den Trägern dieser Arbeit die nötigen Menschen und Mittel zur Verfügung stellen will. Nur so wird es möglich sein, die von den Akademien erkundeten Lebensräume in eine dauernde Verbindung mit der Kirche zu bringen”.
Die andere für die Evangelische Akademie Baden wichtige Weichenstellung war, daß die badische Landeskirche in die Tagungsstätte in Herrenalb und damit auch in die Akademie investierte, indem sie im Sommer 1963 mit Umbau- und Neubauarbeiten im “Haus der Kirche” begann. Explizites Ziel war es, “der Evangelischen Akademie eine ausreichende Zahl von Einzelzimmern, bessere Unterkünfte für die Haustöchter und für den Hausmeister sowie den erforderlichen großen Vortragssaal und die Gesellschafts- und Speiseräume” zur Verfügung zu stellen. Im Oktober 1965 wurde auch der Neubau feierlich eingeweiht (vgl. dazu Horst Wein, in: Wer redet liebt, S. 45f.).
Beiträge aus Tagungen von 1964 finden sich in “Der Horizont” Band 8 veröffentlicht. Neben dem Beitrag von Herbert Tröndle über “Das Problem der Einheitsstrafe”, den er auf der Tagung “Strafrecht und Strafvollzug” im März 1964 hielt, fällt der Beitrag von Rolf Fricke “Die geistigen Voraussetzungen der Industrialisierung im 19. und 20. Jahrhundert” auf, der auf der Tagung zu den “Voraussetzungen der industriellen Gesellschaft” im Juni 1964 gehalten wurde. Schomerus schreibt im Geleitwort dieser Nummer:
“Ein Horizont verbindet eine Fülle von Dingen zu der Einheit eben des Gesichtskreises. Er ist also nicht nur etwas Formales. Er könnte aber reine Subjektivität des Standpunktes oder der Anschauung sein. Wir mühen uns um den Nachweis, daß die Einheit in der Fülle [...] real und nicht bloß subjektiv ist.”
Als ehemaliger Leiter der Männer- und Industriearbeit der Landeskirche war es das besondere Anliegen Willi Gegenheimers, den direkten Kontakt der Kirche zur Arbeitswelt zu stärken, was damals auch im Hinblick auf die sich rasch verändernden Produktionsbedingungen zunehmend wichtig wurde. Um für dieses Vorhaben auch in den Pfarrgemeinden Verständnis zu erzielen, fand im Mai 1966 eine Tagung “Betrieb – Gewerkschaft – Kirche” mit Gewerkschaftsvertretern und Pfarrern statt. Bei letzteren wurde für die Tagung explizit durch das im folgenden wiedergegebene Begleitschreiben des Landesbischofs Heidland geworben:
“Liebe Brüder! Die an Sie ergehende Einladung unterstütze ich nachdrücklich. Wenn der Kontakt zwischen Kirche und Gewerkschaft nicht eine platonische Angelegenheit bleiben und sich auf gelegentliche mehr oder weniger dem Charakter eines Höflichkeitsbesuches tragende Begegnungen der sogenannten Spitzen beschränken soll, müssen Sie, die Sie den Puls des Lebens in den Gemeinden verspüren und zu Ihrem Teil beeinflussen, in einen unmittelbaren persönlichen Kontakt mit den Vertretern der Gewerkschaft kommen. Ich bin überzeugt, daß auch Sie selbst für Ihren Dienst wichtige Anregungen empfangen werden. Aber diese Tagung trägt ihren Sinn auch schon in sich selbst.”
Akademietagungen als Spiegel der Zeit (1960–1966)
1960 “Inwiefern rechnen wir mit dem Osten?”
“L’art moderne dans les problèms de l’entente européenne - Die Kunst der Moderne im Lebensbereich europäischer
“L’art moderne dans les problèms de l’entente européenne - Die Kunst der Moderne im Lebensbereich europäischer
Verständigung” Begegnungstagung zwischen französischen und deutschen Pädagogen
“Die offene Welt”
(Tagung über den Ost-West-Konflikt und die Entwicklungsländer)
“Was geht das uns an?”
(Tagung über Demokratieverständnis und Kritikfähigkeit der Jugend)
“Lebensleere und Lebenserfüllung oder das Phänomen der Langeweile”
1961 “Polizei in der Demokratie”
“Das Recht auf Heimat und Friede in der Welt”
(Tagung über Heimatvertriebene und Menschenrechte)
“Weltveränderung durch das Atom”
1962 “Gesellschaftliche Leitbilder des Westens”
“Das Ringen um Afrika und Asien”
“Widerstand und Entschädigung”
“Hat unsere Zeit noch Vorbilder?”
1963 “Die Kultur des Verhaltens”
(Tagung zum Umgang mit der demokratischen Freiheit)
“Der Wohlfahrtsstaat und die Konjunktur”
“Die Rolle der Wissenschaft in der modernen Welt”
“Die offene Welt”
(Tagung über den Ost-West-Konflikt und die Entwicklungsländer)
“Was geht das uns an?”
(Tagung über Demokratieverständnis und Kritikfähigkeit der Jugend)
“Lebensleere und Lebenserfüllung oder das Phänomen der Langeweile”
1961 “Polizei in der Demokratie”
“Das Recht auf Heimat und Friede in der Welt”
(Tagung über Heimatvertriebene und Menschenrechte)
“Weltveränderung durch das Atom”
1962 “Gesellschaftliche Leitbilder des Westens”
“Das Ringen um Afrika und Asien”
“Widerstand und Entschädigung”
“Hat unsere Zeit noch Vorbilder?”
1963 “Die Kultur des Verhaltens”
(Tagung zum Umgang mit der demokratischen Freiheit)
“Der Wohlfahrtsstaat und die Konjunktur”
“Die Rolle der Wissenschaft in der modernen Welt”
“Die Voraussetzungen der industriellen Gesellschaft”
1965 “Was heißt konservativ heute?”
“Die Probleme Afrikas”
Tagung des Freundeskreises der Evangelischen Akademie Baden
1966 “Humanistische Tradition heute”
“Religiöse Botschaft aus Frankreich”
“Väter und Söhne – das Generationenproblem in unserer Zeit”
1965 “Was heißt konservativ heute?”
“Die Probleme Afrikas”
Tagung des Freundeskreises der Evangelischen Akademie Baden
1966 “Humanistische Tradition heute”
“Religiöse Botschaft aus Frankreich”
“Väter und Söhne – das Generationenproblem in unserer Zeit”





